Am Montagmorgen stürzen Alexis und ich uns schon in der Dämmerung um 6.00 Uhr früh ins Getümmel. Während es um uns herum rasch hell wird, spazieren wir der Matatu-Haltestelle entgegen. Und dem Verkehrschaos. Zu guten Zeiten sind die 11 Kilometer in die Innenstadt schnell geschafft. An diesem Morgen brauchen wir dreieinhalb Stunden! Immerhin kommen wir noch rechtzeitig zu einem ganz besonderen Ereignis:
Unsere ständigen BegleiterInnen Wangui und Hassan sind zwei von neun Angeklagten, die sich dafür verantworten sollen, dass sie 2007, also vor vier Jahren bei einer unangemeldeten Demonstration vor einer Polizeidienststelle „sangen und am Tor rüttelten, Plakate mit sich führten und die Straße vor der Station blockierten“, so die Anklageschrift.

Makadara Law Court - Ein Schild, dass unsere Begleiter in den letzten Jahren zu oft gesehen haben.

Erster Akt: Viertel vor zehn erscheinen die neun vor der Richterin. Sie werden einzeln aufgerufen und bestätigen ihre Anwesenheit. Dann werden sie entlassen, das Gericht wendet sich erstmal einem anderen Fall zu. Um 11 Uhr soll es weiter gehen. Alle gehen zusammen in eine Kantine auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wir befragen die Angeklagten. Seit vier Jahren müssen sie ein- bis zweimal im Monat vor dem Gericht erscheinen. Oft wird nur festgestellt, ob sie gekommen sind, im Laufe der Zeit wurden auch einige Zeugen (alles Polizisten) angehört. Heute ist der erste Tag, an dem sie selbst zu Wort kommen sollen. Nicht wenige von ihnen empfinden das Gerichtsverfahren, bei dem es um 20.000 Schilling (150 Euro, aber im kenianischen Mittel fast ein Zweimonats-Verdienst) Strafe pro Kopf geht, als so etwas wie einen vierjährigen Hausarrest. Die regelmäßigen Termine machen größere Reisen und manche intensiven Projekte unmöglich. Definitiv ist diese Prozedur eine Bestrafung – ohne jeden Schuldspruch.

Wangui hat die Gerichtsakte dabei und gibt als gelernte Rechtsanwältin noch einige wichtige Tipps. Ein komprimiertes Prozess-Training auf kenianisch, sehr beeindruckend.

Zweiter Akt: Elf Uhr. Alle neun spazieren in den Gerichtssaal, Alexis und ich nehmen wieder Platz im Zuschauerraum. Die Türen zu allen Gerichtsräumen stehen weit offen, weshalb auf den Fluren nur geflüstert werden darf. Erneut Feststellung der Anwesenheit. Die Richterin fragt, ob die neun als Gruppe eine Aussage machen wollen und nimmt zur Kenntnis, dass jedeR für sich selbst sprechen wird, weil sie nicht als Gruppe an einer Aktion teilgenommen haben. Dann verlassen wieder alle den Saal. Diesesmal ist die Wartezeit aber sehr kurz.

Dritter Akt: Wieder geht es rein und schwungvoll los mit den Statements. Einzeln werden die Angeklagten aufgerufen. Sie müssen von der Anklagebank, auf der sie eben so nebeneinander Platz finden, einzeln durch den Saal zum Zeugenstand und werden dort auf Kisuaheli vereidigt. Die Richterin fragt, in welcher Sprache Stellungnahme und eventuelles Kreuzverhör gewünscht sind. Möglich ist immer englisch, kisuaheli und die kenianische Gebärdensprache. Letztere kommt heute nicht zum Einsatz, die acht Männer und eine Frau wählen aber verschiedene Sprachen, so dass wir nicht jede Aussage verstehen können. Konzentriert berichten die Angeklagten, was sie an diesem Tage zur Polizeistation führte. Die Menschen im Zeugenstand berichtet ganz Unterschiedliches: Einer wollte Papiere abholen, einer ein Führungszeugnis, einer kam in Begleitung eines Freundes und war dabei, die Polizeistation zu verlassen, als es plötzlich zu der Verhaftung kam. Wangui und Hassan erklären, dass sie für Kengonet dort waren, weil sie im Auftrag mehrerer Basisgruppen um bessere Kooperation mit der Polizei bitten wollten. Es gab an jenem zweiten August einen Anmelder einer Demonstration, der wurde jedoch nie verhaftet und angeklagt. Einer der Angeklagten ist gut bekannt mit diesem Mann, den die Anklageschrift immerhin erwähnt und als „not rowdy“ bezeichnet, und stand neben ihm, als er selbst verhaftet, der andere aber in Ruhe gelassen wurde. Zu den Plakaten sagen die Angeklagten, dass sie die erstmals im Gerichtssaal zu sehen bekamen. Die einzige Aussage, die die Plakate den Angeklagten zuordnet, stammt von einem Beamten, der ihnen im Polizeigewahrsam gar nicht begegnet war.
Die Staaatsanwältin scheint irritiert zu sein, dass sie hier keine homogene Gruppe vor sich sich hat. Sie stellt nur wenige Nachfragen und bald ist die Prozedur der Stellungnahmen abgeschlossen.
Die Richterin tut, was zu diesem Verfahren offensichtlich elementar dazu gehört: Sie legt einen neuen Termin fest und vertagt. Der neue Termin ist im Oktober, kurz vor Wanguis Entbindungstermin. Natürlich hofft die werdende Mutter sehr, dass das dann der letzte Auftritt vor dem Gericht ist. Das Verfahren hat alle neun Angeklagten viele, viele Arbeitstage und etliche Nerven gekostet.

Wir fahren gegen Mittag durch kalten Regen und einen Stau nach dem anderen wieder in die Innenstadt. Dort treffen sich erstmals Susan und Wangui, wir planen ausgiebig ein Begegnungs- und Vernetzungsprojekt für nächste Woche. Anstoß dafür ist die große rote Tasche, die Carolin und ihre Jungs aus Karlsruhe mitgeschleppt haben und in der Fußbälle und ein Mannschafts-Satz Fußballtrikots plus Hosen für 10-jährige stecken. Wenn alles klappt, gibt es am 22. September ein Fußballturnier mit 5 informellen Schulen aus dem Slum Huruma und ein „Medical Camp“, bei dem Mitspieler und Angehörige sich eines kostenlosen Gesundheitschecks unterziehen können. Essen für alle soll es geben und die Einladung, sich stärker zu vernetzen, unter anderem in einer neuen, gerade entstehenden „bio-toilet-user-association“.

Danach nimmt an diesem Nachmittag ein noch ehrgeizigerer Plan konkretere Formen an: Attac Kenia soll entstehen, die Liste der anzusprechenden Gruppen ist schon lang und die Verabredungen zur Vorstellung, zum Ideen-Schmieden und Weiterdenken füllen unseren Plan für die nächsten beiden Wochen.