Die ganze Welt ist mal wieder entsetzt über die Brutalität, mit der die Sicherheitskräfte in Kairo gegen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz vorgehen. Wieder einmal sind sie eingerückt, um den Platz zu räumen. Jedesmal wenn sie kommen, brennen sie die Zelte ab, vertreiben die Menschen, töten einige und verletzen Hunderte. Aktivisten berichten von gezielten Übergriffen auf weibliche Demonstranten, Augenzeugen von Snipern, und viele schockierende Videos kursieren über soziale Medien.

Doch das alles ist weder neu noch unerwartet. Bei den Kämpfen um Tahrir und Mohammad-Mahmood-Straße Mitte November starben in 5 Tagen 40 Menschen und über 2000 wurden verletzt. Jede Räumung des Tahrir-Platzes seit März war brutal, immer gab es viele Verletzte und Gefangene wurden gefoltert. Was ist jetzt also eigentlich das Neue? Die Weltöffentlichkeit sieht zum ersten Mal in aller Deutlichkeit, wie es nun eine vom Westen hochgerüstete Armee ist, die die Demokratiebewegung erdrücken will. Die Generäle in Ägypten erhalten nach Israel die zweitgrößte Militärhilfe aus dem US-amerikanischen Haushalt. Auf jede Tränensgaskatusche steht „Made in USA“, viele Offiziere der Militärpolizei genossen europäische Ausbildung. Die westliche Sicherheitsarchitektur hat sich nie groß um Menschenrechte geschert, der Suezkanal muss laufen, und die Grenze zu Israel so halten wie sie es wollen. Aber auch das ist ja dem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen.

Was wirklich neu ist, ist das Verhalten der Menschen auf dem Platz. Darüber ist viel berichtet worden, über die unglaubliche Solidarität, direkte Demokratie und kulturelle Wandel einer sehr traditionellen Gesellschaft während der Barrikaden und des gemeinsamen Zeltens. Was wirklich überrascht, ist die erneute und anhaltende Entschlossenheit und der sagenhafte Mut dieser Tausenden, die auf und um diesen Platz die Flamme der Demokratie und der Würde verteidigen. Es ist kaum zu fassen, dass diese Revolte synchron zu den Wahlen läuft. Die ersten freien und „fairen“ Wahlen seit der Zeit der Pharaonen, die die demokratische Sehnsucht stillen sollten, bei der aber der Sieg der konservativen islamistischen Kräften vorprogrammiert war. Tahrir revoltiert auch gegen eine parlamentarische Sphäre, in der sie nicht repräsentiert sein wird.

Das wirklich Besondere und Neue an diesen Kämpfen wird einem aber erst richtig klar, wenn man sich vergegenwärtigt, wie klein sie eigentlich sind: Es sind tausende, vielleicht zehntausende in einem Land von 80 Millionen, die auf und um diesen Platz kämpfen. Gegen sie steht eine hochmoderne Armee, zusammen mit den Überresten eines zerstreuten aber extrem brutalen Polizeistaats. Und am aller Schlimmsten: die Aktivisten genießen schon lange nicht mehr die rückhaltlose Unterstützung bei der Mehrheit der Bevölkerung. Die schweigende Mehrheit sehnt sich nach Normalität, ist den Kämpfen und der Instabilität müde und will, dass die Wirtschaft wieder läuft und das Chaos aufhört. Die einzige Instanz, die dieser Sehnsucht real entsprechen konnte, war die Armee und so genoss sie eine noch vor kurzen sagenhafte Popularität.

Tausende, vielleicht einige Zehntausend lehnen sich nun gegen diesen übermächtigen Gegner mit einer immensen Opferbereitschaft und Standesvermögen auf: sie sind so Wenige, aber sie halten den Platz! Es hat was vom gallischen Dorf, das einfach nicht einnehmbar ist. Auch wenn sie ihn verlieren, sie holen ihn sich wieder. Im Nu sind die Zelte wieder aufgebaut, die Ordner in Position und alles ist wie gehabt.

Es ist nicht ihre Menge, sondern die Symbolik dieses Platzes und das Blut, das schon geflossen ist, das diesen wenigen Revolutionären ihre Kraft verleiht. Ja, wir erleben eine Art Rückkehr des Heroischen in die Politik: Wenige, kleine Minderheiten schaffen es, sich mit gigantischen Gegnern anzulegen. Sie haben Recht, sie wissen es, und sind bereit, bis zum Ende zu gehen. Auch wenn nur kurz, das Leben auf dem Platz, intensiv und würdevoll, ist ihnen mehr wert als das Darben in ohnmächtiger Unmündigkeit.

Sicher setzt auch die politische Konstellation den Rahmen. Die offene Spaltung zwischen Islamisten und der Armee hat seit etwa zwei Monaten die Spielräume der Bewegung massiv vergrößert. Aber es war vor allem ihr Wille zur Tat, ihre unbeirrbare Unwilligkeit, den Platz zu räumen, die den Goliath ins Wanken brachte. Jedes Tropfen Blut, das auf dem Tahrir fließt, hat die Masse der Bevölkerung von der Armee entfremdet und die Herrschaft der Militärs ein gutes Stück den Boden entzogen. Es hat nun etwas von einem politischen Wunder, wie diese übermächtige Armee, die einzige übriggebliebene Zentralinstanz in einem großen Machtvakuum in einem von militaristischer Kultur bestimmten Land, binnen gut eines halben Jahres ihr Gesicht als große Heldin des Volkes verloren hat und als Mörderin und brutale Unterdrückerin entpuppt ist.

Die Generation, die jetzt auf dem Tahrir kämpft, hat zu Beginn dieses Jahres die Haltung der „occupy“, des sich Nehmens, erfunden. Sie hat sich entschieden nicht zu gehen, und darin liegt ihre Stärke. Auch wenn sie zwischendurch nicht sichtbar war, durch ihre Willenskraft und Opferbereitschaft ist sie zu einer festen Größe der ägyptischen Politik geworden.