Am Mittwoch sind wir in Nairobi bei einem Kongress, den die UNDP ausrichten „Youth Inclusion and Democracy“ ist das Motto der Veranstaltung zum Tag der Demokratie, bei der rund 800 junge Leute aus vielen Teilen Kenias teilnehmen. Wir kommen ausgestattet mit 200 „Attac in Kenya?“-Flyern und stürzen uns ins Getümmel.

Frontal fuer mehr Demokratie: das Plenum

Die Veranstaltung im Plenum ist schwer zu verfolgen. Die Lautsprecher verzerren das kenianische Englisch noch, so dass wir immer wieder den Faden verlieren und nicht mitbekommen, wie es die Redner vorne schaffen, die Jugendlichen um uns herum zu gemeinsam gerufenen Antworten zu bringen, ein bisschen wie die Sprechchöre einer Kirchengemeinde im Gottesdienst. Das eigentliche Programm findet die ganze Zeit im großen Saal des stattlichen „Charter House“ statt, an dessen Stirnseite das Porträt des Präsidenten auf die versammelten Teilnehmer hinunterschaut. Sehr frontal.
Bald ist uns klar, dass wir vor der Tür richtiger sind. Wie bei einer Cocktailparty werden wir von Initiative zu Initiative weiter gereicht. Die Jugendlichen sind aktiv für Umweltschutz und Menschenrechte, sie arbeiten speziell gegen Gentechnik, gegen Mangelernährung, für soziale Begegnung in einem Slum, organisieren Sport-Events, fördern die Integration tauber junger Menschen, setzen sich mit den Preissteigerungen auseinander usw. usf.
Etliche unserer Gesprächspartner betonen, dass sich Qualität und Quantität der Gruppen-Aktivitäten in den letzten Jahren stark gesteigert hätten. Immer mehr junge Leute organisieren sich anlässlich eines konkreten Problems und können die Verbesserung, die ihr Engagement erreicht, ganz konkret erleben.
Viele sind bitter: Ihre Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig. Die Jugendarbeitslosigkeit ist extrem hoch, die Slums wachsen, ihnen zu entkommen ist schwierig, die Lebenserwartung sinkt, die Elterngeneration hatte es deutlich besser.
An Attac sind die Kongress-Teilnehmenden sehr interessiert. Ein paar organisieren für den Nachmittag einen spontanen Workshop, der auf einer breiten Treppe am Eingang stattfindet (Workshopräume sind ja nicht vorgesehen). Alexis und ich stellen das globalisierungskritische Netzwerk vor und heben die Themen hervor, die schon den ganzen Tag über am besten ankamen: Die Arbeit gegen konkrete Privatisierungsvorhaben und den Widerstand gegen Gentechnik. Dort sehen die jungen Leute Anknüpfungspunkte, dort passiert aktuell viel. Die Macht der Banken ist ebenfalls ein Thema, der Ansatzpunkt aber noch nicht entdeckt. Laut Wangui haben nur etwa vier Prozent der KenianerInnen ein eigenes Bankkonto. Was die Finanzmärkte treiben ist eine vage, ferne Bedrohung. Die Auswirkungen der Finanzkrisen sind hingegen nicht fern. Viele wissen, dass die Überweisungen von im Ausland arbeitenden KenianerInnen (eine viel höhere Summe als alle Entwicklungshilfegelder der verschiedensten Geber zusammen) einbrechen, wenn „Krise“ in den Industrieländern ist. Am Tag vor der Konferenz titelten die Zeitungen, dass die US-Regierung erwägt, „65 billion Shilling“ (=65 Milliarden Ksh, rund 490 Millionen Euro) zu streichen, die sie bisher in kenianische Gesundheitsprogramm steckt. Das wäre eine weitere Katastrophe für das schwache Gesundheitssystem im Land.
Eifriges Nicken ernten wir auch, als wir auf den IWF zu sprechen kommen, der jetzt in Europa die Schuldenstaaten vor sich hertreibt. Mit dieser Organisation hat Kenia mehr als genug Erfahrungen gemacht.

Wangui in Aktion: "I can give you an example..."

Nach der Hälfte der Workshopzeit übernimmt Wangui. Sie feuert die Leute an, bringt ganz konkrete Beispiele aus dem Hausgarten ihrer Großmutter, vergleicht die Kosten für ein Studium heute und noch vor wenigen Jahren und rechnet vor, was sie selbst einstreichen könnte, wenn sie es schaffte, sich ein Stück Straße unter den Nagel zu reißen (ein größeres Straßenprojekt in privater Trägerschaft wird in Kenia gerade vorbereitet). Immer wieder bindet sie die Leute ein: „Wer weiß noch, wie unsere Großmütter die Samen für die Aussaat im kommenden Jahr in der Küche trockneten? Wessen Mutter macht das heute noch? Und warum nicht? Es gibt nur noch Hybrid-Samen, die wir jedes Jahr von den Saatgutunternehmen neu kaufen müssen!“
Wie immer ist auch hier das Thema Korruption und Vetternwirtschaft schnell wieder sehr präsent: „Wer bekommt die Chance, bei einer Privatisierung Geld zu machen? Würden wir sie bekommen, wenn wir eine Kooperative gründeten? Nein! Und warum nicht?“

Am Abend haben wir alle kleinen Infozettel mit Wangui als Kontakt für ein Attac-Netzwerk in Kenia verteilt. Viele der Interessierten geben uns ihre E-Mail-Adressen und laden uns ein, sie zu besuchen, um ihre Arbeit selbst in Augenschein zu nehmen. Leider verbietet das unser voller Stundenplan längst und wir müssen enttäuschen.
Als wir zur Matatu-Haltestelle am Hauptbahnhof eilen, summen uns die Ohren von den vielen, vielen Gesprächen. Ich bin heiser. Aber zufrieden mit dem Tag der Kontakte.
Resigniert aufgeben will keiner der jungen Leute, die wir getroffen haben. Ganz oft verbinden sie ihren Bericht von ihrem Engagement mit einer Liebeserklärung an das Land, das so krasse Widersprüche aushalten muss, das so reich und schön ist und so weit entfernt von einem guten Leben für alle.