Eigentlich begann das Problem schon bei der Programmplanung. Wir haben auf zahlreichen einsprachigen Ratschlägen in den letzten Jahren erlebt, wie schwierig es ist, in großer Runde über Strategien zu diskutieren. Trotzdem stand plötzlich fest: Dieses Mal probieren wir es unter verschärften ENA-Bedingungen, Mit bis zu 1000 Leuten, in mindestens drei Sprachen, mit nur rund 90 Minuten Zeit.

Das letzte Samstagsplenum als Strategiedebatte musste Erwartungen enttäuschen. Wer das aber entspannt akzeptieren konnte, erlebte einen ganz besonderen Abend.

Zusammen mit Nicolas Haeringer von Attac Frankreich oblag mir die Moderation.

Obwohl die strenge Redezeitbegrenzung die Dolmetscherinnen stresste und mir als Vollstreckerin phasenweise die Konzentration auf die Inhalte erschwerte, konnte ich viele Beiträge des Abends genießen. Schön vor allem, dass alle Beteiligten den Appell zur Fairness beherzigten.

Schon der „einzige Angehörige des magischen Zirkels, der die Kunst der Illusion mit politischen Inhalten verbindet“, erntete reichlich Applaus. Michael Schneider führte u.a. einen Rettungsschirm vor, milliardenschwer – und magischen Gepflogenheiten entsprechend – plötzlich nur noch ein Gerippe mit aufgeknüpften europäischen Länderfahnen.

Im Laufe des Nachmittags hatten vier Synthese-Workshops versucht, die wichtigsten Forderungen und Pläne in den Themenfeldern Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Eurokrise, Finanzmärkte sowie Ökologie und Klimawandel zusammen zu tragen. Die Ergebnisse stießen auf ein konzentriertes Publikum. Im Wesentlichen haben die ENA-Seminare die bisherigen Forderungen bestätigt, einige konkrete Pläne für gemeinsame Aktionen angesichts Eurokrise und Bankenmacht kamen hinzu.

Den stärksten Applaus erhielt Pedro Paez, der erneut alle Interessierten nach Ecuador einlud und dafür warb, sich die lateinamerikanischen Alternativ-Ansätze genau anzusehen. Mit der „banquo des sur“ stellen die lateinamerikanischen Länder dem IWF eine solidarische Alternative gegenüber und mit etlichen Finanzmarktreformen kamen sie ganz anders durch die Krise als die meisten Länder, die über Jahre ihren Banken möglichst alle Fesseln genommen hatten.

Aurelie Trouvé von Attac Frankreich verstand es, das Publikum zu begeistern. Sie erinnerte an die Erfolge Attacs in den letzten Jahren und unterstrich, dass die bevorstehende Herausforderung nicht geringer sei, als ein solidarisches, ein soziales und ökologisches Europa zu erstreiten. Dafür müsse es Ansätze auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene geben.

Sho Kasuga aus Japan brachte alle zum Lachen, als er von seiner Verwunderung sprach, in Freiburg ausgerechnet ein Bett in der Polizeiakademie zu bekommen. Er lobte die Organisation sehr und appellierte, die Wissenschaft stärker in die Suche nach Alternativen einzubeziehen, während er zugleich aufforderte, weiterhin den Zwang zum Wirtschaftswachstum kritisch zu hinterfragen.

Das offene Mikrophon brachte viele Appelle und Einblicke in Herzensangelegenheiten: es ging unter anderem um das Wasserforum 2012 in Marseille, um die Kämpfe in den Magreb-Staaten, ein Plädoyer für mehr Ganzheitlichkeit, um den bevorstehenden G20-Gipfel und die Bankenkritik bei Attac.

Eine Strategiedebatte war das nicht. Dafür hätte es Fragen geben müssen wie: Wo steht das internationale Attac-Netzwerk heute wirklich? Wo könnten wir mit der vorhandenen Kraft, mit den aktiven Menschen und unseren Forderungen am ehesten einen Unterschied machen? (Wie) verändert die ENA und der intensivere internationale Austausch unsere tägliche Arbeit? Was fehlte in der Vergangenheit, um stärker über Landesgrenzen hinweg aktiv und sichtbar zu werden? Wie gehen wir mit den größten Unterschieden zwischen einigen Länder-Attacs um?

Trotzdem war es kein verlorener Abend. Die Stimmung war sehr gut, die Party nach dem Plenum ausgelassen. Wir haben uns vieler wichtiger Forderungen vergewissert und einige Termine im Blick, die wir nutzen wollen für kreativen Protest und Medienarbeit. Es wurde klar, dass sich die meisten begonnenen Projekte breiter Zustimmung erfreuen können. Und diejenigen, die kontinuierlich im europäischen Attac-Netzwerk zusammen arbeiten, haben wieder ein bisschen dazugelernt, wie die Verständigung klappen kann. Am Rande gab es durchaus interessante strategische Überlegungen. Irgendwann kriegen wir das noch zusammen….

Nach der Party: Ausschlafen - und zurück und nach vorne schauen