Nairobi, am Dienstag, den 6. September.

Ganz entspannt spazieren wir heute morgen zum Matatu-Startpunkt. Ziel des Tages: ein erst vor kurzem besetztes Gebiet, auf dem ein neuer Slum entsteht.

Es ist angenehm frisch, in der Nacht hat es nochmal geregnet. Wir nehmen uns Zeit für ein paar schöne Fotos von der frisch „gewaschenen“ und teilweise bereits neu aufgeblühten Natur.

Im Bus lesen wir die neue kenianische Verfassung. Eine interessante Reiselektüre, zumal wir von einigen Konflikten um die vor fast genau einem Jahr per Referendum angenommene Verfasung in den letzten Tagen schon gehört haben (u.a. die Landrechte, aber auch die festgeschriebene Herausforderung, dass künftig nicht mehr als zwei Drittel der Abgeordneten das gleiche Geschlecht haben dürfen.)

Heute fahren wir in einen der jüngsten Slums in Nairobi, Kiambiu. Das Gebiet im Osten der Stadt am Nairobi-River wurde erst im Oktober 2010 besetzt. Unsere GastgeberInnen waren von Anfang an dabei. Schon nach den massenhaften Vertreibungen im Zusammenhang mit den Unruhen nach der letzten Wahl 2008 fragten sich die Graswurzelgruppen, wie denn eine neue Bleibe für die Menschen zu finden sein könnten. Nach vielen Planungstreffen war der richtige Ort gefunden. Die Fläche gehörte zur Airforce, die sie nicht länger nutzen wollte und begonnen hatte, das Land zu privatisieren. Im Herbst 2010 zogen 600 Familien auf dieses Land und begannen mit dem Aufbau neuer Hütten. Die Polizei attackierte die Besetzer mehrmals, aber weder Airforce noch die neuen Eigentümer wollten es wirklich auf einen Konflikt mit den BesetzerInnen ankommen lassen, deren Anliegen von den Bewohnerinnen und Bewohnern der umliegenden Slumgebiete geteilt wurde.

Hütte mit Kiambiu-Slogans im "jüngsten Slum Nairobis"

Die Tageszeitung notierte nur lapidar „Ausschreitungen im Slum“. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, es gab vorübergehende Festnahmen und mindestens noch ein laufendes Verfahren. Aber die Leute blieben und bauten.

Eigentlich hatten die Slum-Begründer konkrete Pläne: Sie verabredeten, breite Straßen vorzusehen, damit Rettungswagen und Feuerwehr passieren und auch menschliches Miteinander unter freiem Himmel gestaltet werden könnte. Allein: So etwas durchzuhalten ist nicht einfach, wenn die Armut so groß und die Sehnsucht nach einem eigenen Dach über dem Kopf so stark ist. Tatsächlich ist heute zwischen vielen Hütten nur ein ganz schmaler Durchgang. Manche „Straße“ wurde zur Sackgasse, weil die Anlieger sich entschieden, den Durchgang einfach dicht zu machen.

Wir besuchen eine Familie in ihrem 8-Quadratmeter-Wohnzimmer. Auf dem gestampften Lehmboden liegt Teppich, um einen niedrigen Tisch stehen Sofas, die Blechwände sind mit Tüchern verhängt, ein Fernseher läuft. Eigentlich ganz gemütlich. Diese Familie mit 5 Kindern hat eine Luxus-Variante von Wohnung: es gibt einen zweiten Raum, abgetrennt mit einem Vorhang.

Auch in Kiambiu haben findige Bastler Stromleitungen angezapft, um in den Hütten Licht und Fernseher zu haben. Die Gefahren, die von diesen Improvisationen ausgehen, sind beträchtlich. An einer Stelle steigt zwischen ein paar Steinen Wasserdampf auf. Was für das ungeübte Auge aussieht, als habe dort jemand wohl gerade ein Feuerchen gelöscht, ist lebensgefährlich: Tatsächlich lassen Kriechströme es hier dampfen. An dieser Stelle liegt ein unter der Erde angezapftes, nicht mehr sauber isoliertes Kabel. Die Kinder des Slums wüssten, dass sie sich solchen Stellen nicht nähern dürften, sagt Wangui. Aber wie gefährlich die Pfütze drei Meter entfernt noch sei, wisse niemand.

Sündenfall: Hüttenbau bis dicht ans Flussufer.

Unsere Begleiterin erklärt uns, dass die BewohnerInnen des neuen Slums auf die neue Verfassung setzen. Nach der dürfen nämlich Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben nicht ohne weiteres vertrieben werden. Es gäbe also mindestens Ansprüche auf einen Ersatz. Wenn es dazu kommt, haben die SlumbewohnerInnen in ihr schon mindestens eine streitbare Anwältin sicher.

Allerdings wird auch Wanguis Profession vielen hundert Menschen nichts nützen. Inzwischen sind die Siedler auf über 1000 Familien angewachsen. Hütten werden inzwischen auch dort errichtet, wo überhaupt nicht gebaut werden darf: Innerhalb eines 30-Meter-Streifens zu beiden Seiten des Flusses. Diese Vorgabe ist sinnvoll: Der Fluss braucht Platz, er nimmt ihn sich auch, wenn es Hochwasser gibt und Gewässerschutz erfordert ebenfalls Freiraum für entsprechende Bepflanzungen usw.

Wangui ist sich sicher. Die Bauten in Ufernähe werden weder zu halten sein noch werden ihre Erbauer auf eine Entschädigung setzen können. Immer wieder bleiben wir an einem besonderen „Sündenfall“ des Slumprojekts stehen: Hier gibt es plötzlich ein zweistöckiges Einfach-Haus mit einer Holztreppe, dort hat jemand begonnen, um das Wellblechhaus eine Steinmauer hochzuziehen. Wangui ist verärgert: das geschehe immer wieder: Sobald das Projekt als relativ abgesichert wahrgenommen wird, bekommen die armen Häuslebauer von wohlhabenderen Menschen Übernahmeangebote. Die Verkäufer haben dann für kurze Zeit ein bisschen Geld in der Hand und danach vor allem wieder kein Dach über den Kopf.

Dass es nicht nur in „wilden Slums“ schwierig ist, langfristig wertvolle Pläne und Verabredungen durchzuhalten, zeigt sich auch bei vielen Projekten der offiziellen Stadtentwicklung. Auf dem Weg mit dem Bus quer durch das östliche Nairobi kommen wir an Häusern vorbei, die die Stadt erreichen ließ. Auch hier ist die Liste trauriger Beispiele lang. Etliche Slumbewohner verkauften die ihnen zugeteilten Wohneinheiten und blieben in ihren Hütten, bis die Stadt diese – nach vermeintlichem Vollzug der Umsiedlung – zerstören ließ oder das Vorhaben aufgab.

Kleiner Exkurs am Rande: Mitten im Slum steht ein grüner Pavillion mit dem Logo der KCB (Kenian Commercial Bank). Wangui lacht: Die Banken haben mittlerweile gemerkt, dass sie nur einen verschwindend kleinen Teil der KenianerInnen als Kunden gewinnen können. Jetzt versuchen sie, zu den Menschen zu kommen. Laut unserer Begleiterin haben nur etwa 4% der Menschen in Kenia ein Konto bei einer richtigen Bank. Sehr viele mehr haben sich einer Money-Cooperative angeschlossen oder einer von sechs Mikro-Kredit-Instituten.

Der Kamukunji-Ground: Alptraum vieler kenianischer Politiker

 

Im letzten Stau vor der Innenstadt kommt unser Bus am Kamukunji-Ground zum Halten. Die für unsere Augen recht unspektakuläre Wiese hat es aber in sich: Hier sollen alle wichtigen politischen Proteste der letzten Jahre gestartet sein. Alexis schießt ein Foto, bevor unser Bus jenseits der Straße eine Böschung hochrumpelt.