Vor gut einer Woche äußerten sich drei Attac-Silberrücken im Deutschlandfunk über den Zustand von Attac. Wir seien einfach alt und müde geworden, sagten sie ins DLF-Mikrofon, verglichen mit Occupy – wir seien nicht mehr wirklich empört. Hmm. Über wen haben sie bloß geredet?

Mir fällt nur eine Erklärung ein: Die Altherren sind selbst zu ermattet, um noch auf Demonstrationen zu gehen und den wahren Zustand der Bewegung in Augenschein zu nehmen. Am 15. Oktober: 8000 Menschen mit uns auf der Straße in Frankfurt; am folgenden Samstag: 6000; und nun, am vergangenen Samstag, musste die Kette um die etliche Kilometer dicke Taille des Frankfurter Bankenviertels streckenweise doppelt gelegt werden, weil 10.000 Protestierende gekommen waren, um ihrer Empörung Luft zu machen. Zur gleichen Zeit, am andern Ort, umzingelten 8000 Attacis und Nichtattacis das Regierungsviertel in Berlin. So war es von Campact und Attac geplant, und so hat es auch noch geklappt!  Pünktlich um 14 Uhr waren die Umzingelungen perfekt, die Ketten in Frankfurt und Berlin gleichzeitig geschlossen.

Alle Bahnen stehen still, wenn ein starker Pulk es will

Keiner , aber auch keiner zeigte Ermüdungserscheinungen, soweit ich gesehen habe. Von Anfang an war ausgesprochen lebhafte Stimmung in der Frankfurter City. Schon lange vor dem Start brachten die Aschaffenburger Friedenstrommler Organisierende und Früheintreffende lautstark in Laune, und als es dann losging, übernahm der weiße Lautsprecherwagen mit sehr belebender Beschallung die Stimmungsleitung. Losgehen war übrigens dringend angesagt, denn gegen 12 Uhr entstand durch die Massen von Angereisten ein massiver Rückstau auf dem Bahnhofsvorplatz – alle Straßenbahnen standen still, und auch die Autos mussten über etliche Grünphasen halten. Nicht schlecht –  so  hatten auch Nichtteilnehmende ein bisschen was von der Aktion.

Absperrband für alle!

Und dann begann unaufhaltsam die Umzingelung selbst: Der Demonstrationszug spaltete sich auf, die OrganisatorInnen vom Bundesbüro lenkten die einen in Richtung Westen, die anderen gen Osten, dann in zwei großen Bögen wieder aufeinander zu. Irgendwo im fernen Westend, hinter den beiden Türmen der Deutschen Bank muss eine großes Hallo ausgebrochen sein, als die beiden Köpfe der Riesenschlange die Wiedervereinigung feierten; leider war ich nicht dabei.

Aber auch bei uns vor der EZB war schön was los! Vor uns hin und her lief wie ein sehr kleiner Hirtenhund Jannika, die Praktikantin aus dem Bundesbüro, die so sanft und lieb aussah mit ihrer Ohrenmütze, aber uns, die Kette, per Megaphon sehr energisch verlängerte, verknotete, zusammenspleißte und verdoppelte, um uns anschließend allesamt mit dem kilometerlangen Banken-in-die Schranken-Absperrband zu verbinden. Zwischendurch brachte sie uns mit resolutem Vorsprechen immer wieder zum Skandieren, und als pünktlich um 14 Uhr die Umzingelungsketten in Frankfurt und Berlin geschlossen und perfekt waren, sagte Jannika den unvergesslichen Satz, den der kleine Max in „Wo die wilden Kerle wohnen“ zu eben denselben sagt, als er sie endlich im Griff hat:

Gefühlte Umzingelungsstimmung in Frankfurt

„Und jetzt machen wir Krach!“

Wir taten unser Bestes – mit Trillerpfeifen und viel Gejohle und Geschrei und ein paar sehr schönen, von besonders wilden Kerlen ausgelösten La Ola-Wellen.

Und dann kam die Abschlusskundgebung und es kam der einmalige, gebildete, witzige, irre, umwerfende Georg Schramm mit seinem „etwas tiefer angesetzten Haircut“. Wenn Ihr nicht dabei wart, schaut ihn Euch auf Youtube oder besser noch im Original an; Georg Schramm ist jenseits aller Worte. Nur so viel: Der DGB-Sprecher danach hatte sehr schlechte  Karten, und: 10.000 Dank, Georg Schramm!

PS: Nieder mit der Selbsterniedrigung

Und jetzt, zum Schluss, um den Beitrag auch schön rund zu machen, muss ich mich noch einmal ärgern, dieses Mal über die BerichterstatterInnen von Campact. „Mit rund 18.000 Teilnehmerinnen“, schreiben sie über die gemeinsame Aktion, „ist damit neben die Occupy-Bewegung ein weiterer Akteur getreten….“ Ja, spinnen die denn alle? NEIN! Nicht wir, nicht Attac, nicht die Indignados, und sowieso nicht die Leute, die die weltweiten Proteste am 15. Oktober organisiert haben, als es Occupy noch gar nicht gab, sind neben Occupy getreten – umgekehrt wird ein Schuh draus!

Mich nervt diese übertriebene und in der Sache einfach falsche Bescheidenheit so, weil sie zu 100 Prozent der Berichterstattung der Mainstream-Medien folgt. Diese Medien vermitteln seit dem 15. Oktober ununterbrochen: Occupy ist alles, andere Bewegungen gibt es nicht. Es ist wie mit der Krise selbst: Die kam laut Mainstream-Presse auch aus den USA – die Amis haben uns bloß angesteckt.

So einfach, so falsch – das ist schließlich die Spezialität der privaten Medien. Nur: Wie ist es bloß möglich, dass unsere eigenen Leute ebenso wie Campact dieser schlicht unzutreffenden Darstellung so blind auf den Leim gehen?  Weiß Campact nicht, dass es Campact nicht erst seit gestern gibt? Und wissen die alten Herren von Attac nicht, dass Attac eine über 10 Jahre alte antineoliberale Bewegung mit starken Basis-Wurzeln und ebenso stark wachsenden Sympathien in der Bevölkerung ist? Ist ihnen komplett entfallen, dass die Finanztransaktionssteuer und die Kritik an den entfesselten Finanzmärkten Attacs Gründungsidee war? Ja, im Ernst, geht mal wieder auf Demonstrationen, Ihr, die Ihr zur Zeit in Selbstkritik und Selbstverkleinerung badet, verteilt Flugblätter und Flyer und erlebt, wie gern die Leute am Straßenrand nehmen, was von Attac kommt. Und von Attac kommt was!

So viel zu unserer Empörung: alive and well!