Eine meiner Recherchefragen für die Reise nach Ostafrika ist die nach der Entwicklung und Auswirkungen der Lebensmittelpreise in Kenia.

Schon bevor ich anfangen konnte, zu recherchieren, bekamen wir einen ersten Teil der Antwort zu spüren: Das Graswurzel-Netzwerk, das uns eingeladen hatte, konnte uns nicht wie geplant bei aktiven Mitgliedern unterbringen. Die hohen Preise für Nahrung und Wohnraum haben in den letzten Monaten zu drastischen Einschränkungen bei nahezu allen von ihnen geführt. Es ist nicht zu schaffen, Gäste über eine längere Zeit durchzufüttern (dass die Gäste sich selbst verpflegen oder gar für andere mit einkaufen ist wiederum nicht leicht mit dem Selbstverständnis guter kenianischer Gastfreundschaft zu verbinden).

Tatsächlich sind die Preissteigerungen dramatisch. Das Grundnahrungsmittel der Ärmsten, aber auch die sonst sehr verbreitete Speisegrundlage ist Ugali, ein Maisgriesbrei, der mit und ohne unterschiedlichste Beigaben gegessen werden kann. Auch wir bekommen ihn hier bei der Schulverpflegung fast jeden zweiten Tag auf den Teller.

Etwa die Hälfte der Kenianer muss von weniger (oft deutlich weniger) als 1,25 Dollar am Tag leben. Der Preis für einen 90 Kilogramm-Sack Mais stieg von Juni 2010 bis Juli 2011 von 16 Dollar auf 44 Dollar – also um 160 Prozent, eine Katastrophe für das Familienbudget. In vielen Haushalten wird seltener und weniger gegessen, auch Wangui berichtet vom „Notgemüse“, einer Wurzelpflanze im Garten ihrer Mutter, die nicht besonders gut schmecke, aber in diesem Jahr wieder regelmäßig als Ergänzung auf den Tisch komme.

 

Amaranth im Slumgarten von Kiambiu - aufgrund des schmutzigen Flusswassers, das zur Bewässerung reichen muss, leider nicht sehr gesundheitsförderlich.

Wie immer gibt es zahlreiche Ursachen, die zur Verknappung führen. Die Dürre ist die naheliegendste: Die letzte Regenzeit enttäuschte, die Ernte war nicht gut. Das Nachbarland Tansania hat aus Angst vor dem Hunger im eigenen Land den Maisexport gestoppt. Die meisten Menschen in Kenia wissen nicht, dass es zusätzlich versteckte Preistreiber gibt, Spekulanten, die auf noch höhere Preise wetten und den Nachfragedruck erhöhen. Auch unsere ansonsten sehr gut informierte neue Bekannte von der Stadt hatte noch nicht davon gehört, dass Energiepflanzen den Nahrungspflanzen Konkurrenz machen. Im Tana-Delta im Osten Kenias wollte die Regierung kürzlich die Anlage von Zuckerrohrplantagen erlauben – auf 22 000 Hektar. Ziel der Investoren war die Produktion von Zucker und Bioethanol. Verkauft werden sollte die Ernte nach Europa, wo die Beimischungspflicht von Agrosprit ins Benzin die Nachfrage hochgetrieben hat. 25 000 Arbeitsplätze hatten die Investoren in Aussicht gestellt. Zum Glück machten Umweltschützer Druck und wiesen nach, dass bis zu 30.000 Menschen durch die Plantagen vertrieben werden würden. Das wertvolle Biotop der Flussmündung würde zerstört, der Durst der riesigen Plantage die übrige Landwirtschaft und Fischerei gefährden. Ein kenianisches Gericht stoppte das Projekt, das mit der Verfassung nicht vereinbar gewesen wäre.

Aus dem Norden melden die Medien Preisdruck durch die Flüchtlingslager. Für die Zehntausenden Hunger-Flüchtlinge aus Somalia schaffen zahlreiche Hilfsorganisationen eine notdürftige Infrastruktur und kaufen auf, was es an Nahrungsmitteln zu kaufen gibt. Die kenianischen Zeitungen sprechen vom „Monster“, wenn sie Dadaab meinen und warnen vor Unruhen, weil die große Zahl der Flüchtlinge sozial kaum aufzufangen sei. Die Spannungen steigen auch dadurch, dass aus Somalia Menschen aller sozialer Schichten fliehen müssen und einige der MigrantInnen viel wohlhabender als die kenianischen Anwohner sind – und mit ihrer Nachfrage erneut zur Kostensteigerung beitragen.

 

Zucker – die große Knappheit

Eine besondere Geschichte ist rund um den Zuckerpreis zu erzählen. Er hat Rekordhöhen erreicht und sich im letzten Monat mal eben verdoppelt. Viele Supermärkte können keinen Zucker mehr anbieten, andere haben am Eingang rote Schilder aufgehängt um darauf aufmerksam zu machen, dass bei ihnen Zucker zu bekommen ist.

"Bitte nur ein Paket..." - schwer zu befolgen, wenn es keines mehr gibt.

"Bitte nur ein Paket..." - schwer zu befolgen, wenn es keines mehr gibt.

Wir machten am Dienstag abend einen Praxistest in einem Supermarkt in der City von Nairobi. Unsere Frage, wo wir Zucker finden könnten, wurde mit großem Bedauern beantwortet: Leider sei keiner mehr da. Es gäbe eine große Knappheit in Kenia. Ich schieße schnell ein Bild von dem inzwischen unnötigen Schild über dem leeren Regal: „Bitte immer nur ein Paket pro Haushalt“. Dann kommt der Supermarktmitarbeiter nochmal auf uns zu. Er ist ganz stolz, weil er uns ein 2-kg-Paket Zucker in die Hand drücken kann. Es sei von der Kasse zurück gekommen. Wir sind ein bisschen erschrocken. Zucker kaufen wollten wir eigentlich gar nicht. Und auch keine Extrabehandlung für Weiße, wie wir sie täglich viele Male abzuwehren versuchen. Das Paket kostet 375 Schilling (2,80 Euro). Das Durchschnittseinkommen in Kenia liegt bei 90 Euro (ca 11.000 Schilling) im Monat, womit das Päckchen Zucker ungefähr einem Tagesverdienst entspricht. Dabei sind uns seit unserer Ankunft fast nur Menschen weit unter dem Durchschnittseinkommen begegnet. Wir stehen immer noch am leeren Zuckerregal als eine junge Frau frustriert den Mehlstapel daneben abtastet. Kein Zucker… Wir überreichen ihr unser Recherche-Paket, sie zieht freudig von dannen. Der Supermarktbeschäftigte guckt kurz darauf sehr verwundert und sehr lange in unseren fast leeren Korb.

Der Zuckerpreis ist nach den Beobachtungen von Kengo-Net vor allem deshalb so hoch weil die wichtigste Zuckerfabrik Kenias im Wahlkampf steht. Durch Bunkerei verknappten die Verantwortlichen das Angebot gezielt, um horrende Preise für die teure Werbung für ihren Kandidaten nehmen zu können. Es mag weitere Motive geben, aber die Wirkung ist offensichtlich.

Die Regierung sieht sich gezwungen, zu handeln. Sie diskutiert, die Importmenge erhöhen – und öffnet neuen Zockern Tür und Tor, die genau wissen, wie in einer Hochpreisphase mit Importzucker sehr viel bares Geld zu machen ist. Unsere Gesprächspartner hier vor Ort kennen das schon: Solange Wahlkampf herrscht, müssen sie draufzahlen. Danach leider auch, denn nur höchst selten sänken Preise nach einer solchen Rallye wieder auf ein erträgliches Maß.

Aushängeschild: Wer Zucker anbieten kann, punktet bei den Kunden schon am Eingang