Ostküste, wir kommen! Und zwar mit dem Zug. Obwohl uns Einheimische mehrfach abgeraten haben und der Mann am Bahnhofsschalter entsetzt reagierte, lassen wir es uns nicht nehmen, zwei Dritte-Klasse-Tickets für den Zug von Nairobi nach Mombasa zu kaufen. Im Internet finden wir die Info, dass TUI sogar die erste und zweite Klasse aus seinen Kenia-Reise-Programmen genommen hat. Der Zug ist einfach zu rumpelig und langsam und es gab mehrmals Unfälle. Wir zahlen jeder umgerechnet 5,50 Euro für die 15-stündige Fahrt an die Küste.

Der Zug wird nicht voll. Was uns freut, so kann man sich wenigstens ein bisschen auf den Sitzen breit machen. Unterwegs steigen viele Leute aus und nehmen ihr umfangreiches Gepäck mit: Meist ganze weiße Plastiksäcke voller Zwiebeln, Kohlköpfe und anderer Produkte vom oder für einen Markt.

Gras- und Buschland kurz vor Mombasa

Statt wie angekündigt (Fahrpläne gibt es nicht, aber Auskünfte am Schalter) um sieben Uhr Abends startet der Zug gegen 20.30 Uhr: Die Lok fehlte noch. Erst geht es durch Nairobis Slums hindurch, die Hütten stehen bis direkt an die Schiene, jedes Zugunglück hat das Potential zur großen Katastrophe. Müllberge liegen direkt neben den Schienen, die Fenster des Zuges lassen sich aber nicht schließen. Aber nach einer Weile wird die Luft besser, wir lassen die wuchernde Metropole hinter uns. Das Schaukeln und Rumpeln ist gewöhnbar.

 

Fast pünktlich um 10.00 Uhr sind wir in der Küstenstadt Mombasa. Der Bahnhof ist vergleichbar mit dem eines niedersächsischen Provinznestes: Ein Bahnsteig, eine Bank, ein kleiner Kiosk. Wir wehren die Taxi- und Tuk-Tuk-Fahrer ab und gehen zu Fuß in das nahe Stadtzentrum. Es ist wärmer hier und feuchter als in der Hauptstadt. Wir gönnen uns einen Tee und köstlich-frische Mandazi in einem kleinen Restaurant, dann machen wir uns auf den Weg zur katholischen Kirchengemeinde im Tudor-Viertel, wo sich heute der Vorstand des Coast Rights Forum trifft.

Die Gruppe hat schon am Vortrag mit der Sitzung begonnen, an der Wand hängen die Ergebnisse ihrer Arbeit: Flipchartbögen mit einer umfangreichen Analyse: Schwächen und Stärken, aktuelle Themen, mögliche Aufhänger. Der Kontakt war über eine ehemalige Verdener Ökozentrumsfrau und Weltreisende zustande gekommen.

Das Bündnis entstand 1999 als Pläne eines kanadischen Unternehmens für eine große Titan-Mine bei Mombasa bekannt wurden. Um den Widerstand zu organisieren, kamen Menschen aus verschiedenen Orten und Diszplinen zusammen. Sie informierten über die drohenden Vertreibungen, die Umweltfolgen durch den Abbau, die völlig fehlende Frage von Entschädigungen und die strahlenden Nebenwirkungen, weil der Tagebau jede Menge Uran mit ausbuddeln würde. Der Protest wirkte. Viel Aufmerksamkeit, bis heute Aktive – und noch immer ist mit dem Abbau nicht beonnen worden. Dafür arbeitet das Forum inzwischen auch an anderen Projekten. Zum Beispiel zu den Auswirkungen einer „solaren Salzfarm“ bei Malindi. Dort wird Meersalz gewonnen. Die Firma wirbt für die umwelschonende Sonnen-Trocknung – und mag es nicht, wenn das Forum von den großflächigen Abholzungen der dortigen Mangrovenwälder spricht, die weitreichende Folgen hat.

Landgrabbing ist immer wieder Thema. Verhinderung von großem Jatropha-Projekt. Und sofort ist die Gruppe ganz Ohr als wir nach dem Fall von Taita Taveta fragen. Wollen sie recherchieren, wir versprechen weitere Erkundigungen in Deutschland nach unserer Rückkehr.

Das Forum arbeitet seit längerem mit der Heinrich-Böll-Stiftung zusammen. Wir vereinbaren in Kontakt zu bleiben. Der Vorstand zeigt sich auch sehr an Attac interessiert.

 

Am Nachmittag verlassen wir Mombasa schon wieder mit einem Matatu, das lange, lange an der Küste entlang gen Norden wackelt. Aus den Lautsprechern dröhnen hier der regional anderen Religions-Schwerpunkte gemäß statt Reggae- orientalische Klänge aus den Boxen.

In Gede, nur noch wenige Kilometer südlich von Malindi steigen wir in ein anderes Matatu um, kaufen in Watamu noch ein paar von Carolin bestellte Lebensmittel und Zutaten für Pfannkuchen und erreichen kurz vor dem Dunkelwerden die Küsten-Station der Kitengela-Glas-Künstlerin Nani Croez.

Carolin und die Jungs sind schon seit Samstag morgen hier. 100 Meter vom weiße Sandstrand des Indischen Ozeans entfernt in einem ganz und gar zauberlichen Gebäude:

TurmbewohnerInnen...

 

Das sensationelleste Bett - im dritten Stock über den Baumwipfeln

Wir wohnen in einem vierstöckigen Turm, der um die Bäume herum und neben ihnen in die Höhe gebaut ist. Keines der Zimmer hat vier Wände, es gibt Säulen und liebevolle Mosaike und viel frische Luft. Ein angenehmes Lüftchen weht auch, wenn es draußen richtig heiß wird. Mein Bett ist ebenso wie das von Carolin an Seilen an der Decke aufgehängt und schwingt sanft bei jeder Bewegung. Unter dem Moskitonetz geschützt vor Mückenstichen ist sonst rundherum afrikanische Natur und vielfältiges Nachtgezirpe. Am Morgen wecken uns die kleinen Kapuziner-Affen, die in Windeseile durch die Wipfel hüpfen – auf Augenhöhe mit meinem Schlafplatz. Sie kennen den offenen Turm sehr gut und wissen, auf welche Oberflächen sie sich plumpsen lassen müssen, um tüchtig Radau zu machen.

Architektur mit vielen Bäumen - lebenden und toten, integriert in den Turm

 

Rückfahrt am Donnerstag abend mit dem Bus. Kostet etwas mehr als der Zug, fährt aber schneller. Um 6.00 Uhr am Freitag morgen erreichen wir sehr müde Nairobi. Und bald darauf ein letztes Mal die Rudolf Steiner Schule.

 

Packen, Aufräumen. Carolin spediert Eis für die alle Internatskinder.

Um Mitternacht holen uns zwei Taxis ab und bringen uns zum Flughafen. Ungefähr zu der einzigen ganz staufreien Zeit, die wir in diesen Wochen identifizieren konnten.

Es ist nicht leicht, diesem Land „Ade“ zu sagen.

Unsere langen Listen mit Kooperationsideen werden uns noch länger beschäftigen und sicher noch spannende Begegnungen und Erfahrungen nach sich ziehen.