„Kenianische Studenten sind immer zu spät.“ Deshalb sind nur Alexis und ich wie verabredet am Treffpunkt KenCom House um 11 Uhr. Wangui ruft uns per Handy ins nahe gelegene Internetcafé. Etwas später wird per SMS und Handy geklärt, dass wir uns mit den Studenten-Aktivisten im Jeevanjee-Park treffen. Bis die Leute da sind, ist es halb eins. Wir gehen in ein Restaurant, wo Wangui Tee für alle zwanzig bestellt (15 Cent pro Tasse). Sie führt kurz ein, um was es überhaupt geht: Darum, sich zu organisieren, nicht abzuwarten und frustriert hinzunehmen, was täglich geschieht. Dann verschwindet sie, weil Ihr Handy nicht aufhört zu telefonieren.


Alexis und ich stellen kurz Attac vor. Mit dem Schwerpunkt auf: Durchblicken, miteinander lernen, sich zu konkreten Konflikten zu organisieren. Ein Student erhebt sich zur Gegenrede. Privatisierung sei vielleicht in den Industrieländern ein Problem, für Kenia böte es viele Chancen. Meine Antwort geht im Umzugsgewirr unter: Wir müssen raus aus dem Restaurant, wo der Mittags-Ansturm erwartet wird. Umzug wieder in den Park.

 

... viel mehr als schmutzige Waesche waschen: Attac in Kenia

Auf dem Weg bleibt Wangui zurück, um einen Autofahrer zu retten, dessen Auto gerade durch einen städtischen Mitarbeiter mit einer Wegfahrkralle versehen werden soll. Als Anwältin kennt sie die entsprechenden Paragraphen, nach denen die Stadt eine solche Maßnahme nicht mehr ergreifen darf, sie kann dem Parksünder lediglich eine Rechnung mit der Geldstrafe schicken.

Da ich eine Isomatte dabei habe, lassen sich einige der fein angezogenen Studenten dazu bewegen, sich auf den Boden zu setzen. Die anderen stehen im Kreis um uns herum. Wir diskutieren das mit der Privatisierung weiter. Der smarte Provokant ist leider davon geeilt, weil der nicht damit gerechnet hatte, das das Treffen länger dauern würde als bis 13.00 Uhr (er kam um 12.45 Uhr). Das Treffen soll viel länger dauern. Wir sitzen fast bis 16.00 Uhr im Park zusammen. Am Beispiel Veolia und mit Verweis auf Private Equity Fonds sprechen wir über die globale Qualität der Privatisierungsprozesse und die damit wiederum verbundenen Folgen. Dass die allgegenwärtige Korruption vor einer Idealisierung staatlicher Einrichtungen bewahrt, ist klar.
Aber dann legt Wangui los. Sie haut den Teilnehmern unserer Versammlung Aspekte des Studentenlebens in Kenia um die Ohren, holt sich immer wieder bestätigendes Kopfnicken ein und fährt fort: Warum es so nicht weitergeht, und was ein Jeder tun kann, auch ohne die allerschlimmste Strafe zu riskieren, den Ausschluss aus der Uni.
Die Familien der Studenten müssen heute ein Vielfaches der früheren Kosten aufbringen, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen. In etlichen Familien wird die einzige Kuh verkauft. Es gibt ein staatliches Studentendarlehen, das aber dazu führt, dass die jungen Leute mit beachtlichen Schulden in das Berufsleben starten. Ein Berufsleben, das im Durchschnitt (alle Zahlen von Wangui) 7 bis 15 Jahre nach dem Uni-Abschluss beginnt – es gibt einfach kaum Jobs für die Absolventen.
Ein zentraler Vorwurf von Wangui an das Bildungssystem: An der Uni geht es darum, Scheine zu machen, Examen zu bestehen – und die Absolventen stünden ohne jede praktische Erfahrung da, was sie für viele Aufgaben schlechter qualifiziere als Gleichaltrige, die mit Gelegenheitsjobs und Community-Entwicklung ganz praktische Erfahrungen sammeln konnten. Hier beginnt ein erster, langer und intensiver Appell, die Zeit zu nutzen und eigene Erfahrungen im Organizing zu machen.
Die Studenten nicken. Wangui schüttelt Beispiele aus dem Ärmel und fragt immer, ob ein solches Engagement (Entwicklung kostengünstiger Lehmhäuser in der Runde der Architektur-Studenten, die Einladung zu einer selbst-organisierten Studien-Session über Gentechnik, die Bildung eines solidarischen Fonds für Notfälle …) zu einem Ausschluss von der Uni führen würde und jedes Mal verneinen die Studierenden brav.
Es kommt noch dicker: Wangui rechnet nicht nur vor, dass das Studium teurer ist als zur Zeit der Eltern der jungen Leute. Sie stellt auch klar: die meisten Studierenden sind extrem knapp mit Geld. Sie fragt, wer in der Runde mehr als eine Mahlzeit pro Tag zu sich nimmt und niemand meldet sich. Als sie fragt, wer öfter länger als einen Tag gar nichts zu essen hat, gehen einige Hände in die Höhe. Geschickt flicht sie die Konflikte um Nahrungsmittelpreise ein und fragt, ob es wohl zum Ausschluss von der Uni führen würde, wenn die jungen Leute eine Veranstaltung über Agrarrohstoff-Spekulation, internationalen Agrarhandel und Agro-Treibstoffe organisieren würden. Wieder befürchten die Studis das nicht.

Ausschau halten nach Moeglichkeiten konstruktiver Einmischungen...

Wangui sagt: Die allermeisten Prostituierten in Nairobi seien Studentinnen. Sie haut den Leuten (ein Dutzend Männer, eine Frau) um die Ohren, dass sie doch auch nie fragen würden, woher die Freundin plötzlich 500 Schilling habe, vor allem wenn sie beide schon zwei Tage lang nichts gegessen hätten. Dann fragt sie in die Runde: Und ihr Jungs, woher bekommt ihr das Geld, das ihr braucht? Geht ihr auch auf den Strich? Die Jungs lachen verlegen, schütteln die Köpfe und sagen schließlich: Gelegeheitsjobs, Betrug, Drogen, kleine Schiebereien.
Dann kommen die Statistik-Hammer: Wangui zitiert aus dem aktuellen Human Development Index, nach dem die Lebenserwartung in den letzten Jahren gegenüber der der Elterngeneration wieder gesunken ist.
Wangui fragt, wo die Eltern der jungen Leute in deren Alter, etwa mit 22 Jahren gestanden hätten: Fast alle sagen: Bereits verheiratet, mit den ersten Kindern, in einem eigenen Haus. Heute heiraten die Studierenden eher mit 30 Jahren, sehr oft, ohne eine stabile Basis für eine Familiengründung zu haben. „Nach den letzten Zahlen zur Lebenserwartung habt Ihr dann noch 12 Jahre zu leben!“ und „Die Regierung legt gerade Programme für Waisenkinder auf. Eure Kinder werden – nach der Statistik – Waisen sein, wenn sie 12 Jahre alt sind!“

Obwohl Wangui an einigen Punkten deutlich übertreibt, sind die Studierenden beeindruckt. Ihre Nachfragen werden konkreter. Alle schreiben ihre Namen, Handynummern (damit das mit Abstand wichtigste Werkzeug der täglichen Kommunikation) und E-Mail-Adressen auf eine Liste. Wangui verspricht, in zwei Wochen einen Raum zu besorgen für ein konzentrierteres Treffen. Die Jungen Leute sollen weitere Interessierte mitbringen und vorher Themen melden, an denen sie besonderes Interesse haben. Immer nach dem Motto: Eintreten für Verbesserungen, aber nicht gleich Demonstration mit Gewaltausbrüchen. Das sei einfach zu einseitig in Kenia. Wir schlagen vor, ebenfalls kreative Treffen zu Formen des Widerstandes zu machen – weil es so viel mehr gibt als eine Demonstration, vor der sich in Kenia wegen deren typischen Verlaufs so viele fürchten. Wir zeigen ein paar Bilder von Straßentheateraktionen, ein paar Adbustings und erzählen davon, wie vielfältig die Aktionen allein gegen Gentechnik ausfallen können.
Die Studenten scheinen angebissen zu haben. Wangui beeindruckt sie damit, dass sie derzeit eine Klage prüft gegen die Verantwortlichen der Kenia Pipeline Company, deren Pipeline Anfang der Woche in Nairobi explodiert ist. Das Unternehmen hat von dem austretenden Treibstoff gewusst, es wurden sogar eigene Büros evakuiert, aber Polizei oder Medien wurden nicht informiert, um eine rechtzeitige Räumung des gefährdeten Slums Sinai zu veranlassen. Einer der Studenten hat da ebenfalls Kontakte, einer der Männer entpuppt sich nicht nur als Ex-Student mit reichhaltigen Erfahrungen in der Studierenden-Arbeit, sondern auch als ein Rechtsanwalt, der sich Wanguis Team aus bereits fünf Juristen anschließen will.
Einer der Studenten steht im Wahlkampf. Er ist bereits Sekretär der Studierenden-Vertretung und muss jetzt Fundraising machen, denn die wenigen Jobs in dem Bereich sind heiß begehrt und es gibt eine große Konkurrenz. Es siegt meist derjenige, der durch die Unterstützung von Politikern Geld akquirieren kann und die meisten Plakate aufhängt. Wangui zückt ihr Handy, in dem das halbe Parlament eingespeichert zu sein scheint und versorgt den Amtsinhaber mit Telefonnummern und Kommentaren, nach was er jeweils genau fragen soll. Für ihn hat sich die Session auf jeden Fall schon gelohnt. Wangui erklärt uns später, dass sie solche Kontakte zu den Studierendenvertretern sehr wichtig fände, weil die allzuoft nach der Wahl keinerlei Engagement mehr zeigten. Sie hätten aber Ressourcen zur Verfügung und wenn sie sich zur Zusammenarbeit gewinnen ließen, wäre das immer ein großer Gewinn für die Bewegung.
Als sich die Gruppe schließlich zerstreut, ist es viel später als geplant. Im People’s Parliament ist ein anderes Thema aufgekommen, unsere Attac-Präsentation dort wird verschoben.
Ich habe das Gefühl, Zeugin einer beeindruckenden Mobilisierungsveranstaltung geworden zu sein. Irgendwie waren Alexis und ich eher Dekoration und für eine kleine Grußbotschaft am Anfang zuständig, so sehr hat Wangui das Zepter an sich gerissen. Aber sie hat etwas ausgelöst und ist sehr motiviert. Einige der Studenten gehen ebenso vom Platz, also drücken wir mal die Daumen, dass hier etwas Konstruktives entsteht.