Eigentlich ist es egal, wo wir uns bewegen: Durch den Slum oder die Ortschaft Rongai, an deren Rand unsere Unterkunft liegt. Immer rufen aus irgendwelchen Ecken Kinder „Mzungu!“ hinter uns her. „Mzungu“ heißt sowas wie „Umherreisende“ und ist die Bezeichnung für Weiße bzw. Europäer – inclusive der Kolonialgeschichte. „Mzungu! Howareyou?“ quieken schon die Kleinsten, sobald sie diesen Ruf von ihren älteren Geschwistern eingeflüstert bekommen.

Ich fühle mich nicht besonders wohl damit. Wo uns die Kinder direkt in den Weg laufen und uns auch noch anfassen wollen, versuchen wir es inzwischen mit dem freundlichen „Gegenangriff“. Wenn wir fragen: „Habari gani?“, sind sie zunächst perplex, antworten dann aber mit dem üblichen „Nzuri.“

Wir ernten inzwischen anerkennende Lacher, wenn wir uns bei Matatu-Fahrern oder Händlern über „Mzungu-Preise“ beschweren, wo wir schon wissen, dass die Einheimischen viel weniger zahlen müssen.

So nett die Kinder sind – lieber würde ich weniger auffallen und schon gar nicht subsumiert werden unter die „Wazungu“ (das ist die Pluralform), deren Bezeichnung die ganze Kolonialgeschichte über hielt und damit auch für eine Dominanz und für Verbrechen steht, die mich nur gruseln.

Typisch Mzungu: Total underdressed - und fotografieren sich gegenseitig vor blühenden Büschen, die sich farblich auch noch mit der Kleidung beissen!

 

Inzwischen haben wir gemerkt, dass wir hier südwestlich von Nairobi von Wazungu regelrecht umzingelt sind. Haben heute einen Abstecher gemacht zur Missions-Station um die Ecke, in der neben Englisch und Kisuaheli deutsch gesprochen wird. Wir treffen prompt ein deutsches Pärchen, er erzählt uns, dass er von Nairobi aus zu seinem Einsatzgebiet in den Sudan weiterfliegt. Zentrales Anliegen der Organisation ist offensichtlich wirklich eine ganz klassische Missionierung. Auf dass die Geistergläubigen sich dem wahren Gott und der westlichen Lebensweise öffnen mögen. Hm.  http://www.diguna.de/

Am Freitag waren wir in die andere Himmelsrichtung unterwegs und besuchten die Glas-Manufaktur Kitengela-Glass. Die Chefin Nani Croze hat uns persönlich empfangen, auch, um mal wieder auf deutsch klönen zu können. Sie ist vor über 30 Jahren hier angekommen und hat Kitengelaglass zusammen mit ihrem Mann aufgebaut. Heute arbeiten 80 Menschen hier, das kleine Unternehmen ist in Reiseführern zu finden und lockt mit seinen schönen Glaskunstwerken, aber auch mit einer verzauberten Atmosphäre viele Touristen an.

 

Hängebrückenspaß - schwindelfrei ist praktisch.

Wer Kitengela-Glas besuchen will, muss auf einer schwankenden Hängebrücke über eine enge, tiefe Schlucht balancieren. Überall lachen uns kreative Kunstwerke an. Ornamente, ungezählte Mosaike auf Wegen und an Wänden und außergewöhnliche Bänke lassen an einen Zaubergarten denken. Viele Phantasie-Kreaturen aus Stein, Glas, Metall und Lehm bevölkern die verschlungenen Pfade zwischen den zahlreichen Hütten ihrer kleinen Künstlerkolonie.

Nani Croze bildet Glasbläser und -künstlerinnen aus und will dazu beitragen, dass zumindest für die vielen lokalen Kirchen keine Buntglasfenster mehr importiert werden müssen. Sie ist Mitbegründerin der Waldorfschule, bei der wir wohnen und Patin zahlreicher Schulkinder dort. Einen Versuch, mit ihr über Perspektiven Kenias zu sprechen, brechen wir schnell wieder ab. Sie gehört noch der alten Schule an und weiß genau, dass die größten Probleme des Landes mangelnde Initiative und Kinderreichtum sind und am besten durch Unternehmergeist und Verhütungsspritzen in den Griff zu bekommen sind. Mzungu!

http://www.kitengela-glass.com/