Offiziell ist die Sklaverei weltweit abgeschafft. Doch laut Global Slavery Index 2016 gibt  es etwa 45,8 Millionen „moderne Sklav*innen“ weltweit. Sie schuften auf Plantagen  in Brasilien oder in den Minen Kongos. Sie sind in einem System von Abhängigkeiten  gefangen: Ihre Pässe werden ihnen weggenommen, sie werden bedroht und sind ihren skrupellosen Profiteur*innen schutzlos ausgeliefert.

Für das neueste Produkt im globalen Markt drehen sich die Fließbänder immer schneller. Den Takt gibt eine sinkende Zahl immer größer werdender internationaler Konzerne vor. Produktivität steigern, Kosten senken, Marktanteile gewinnen – so das marktliberale Mantra, das seit Jahren selbst Staaten in den Bann zieht. Mit laxen Umwelt- und Sozialauflagen wetteifern sie um Investoren. Schlechte Regierungsführung wird zum Standortvorteil. Ein Übriges tun schwache Verwaltungen und korrupte Justizapparate.

Die Zeche zahlt immer das schwächste Glied in der globalen Wertschöpfungskette: Näher*innen in den Textilfabriken von Bangladesch, die 16 Stunden am Tag T-Shirts nähen. Erntehelfer*innen in Brasilien, die für einen Hungerlohn täglich 1,5 Tonnen Orangen auf ihrem Rücken tragen. Geflügelfänger*innen aus Haiti, die selbst in sklavenähnlichen Bedingungen gefangen sind. Und von ihrem Land Vertriebene in Paraguay, die nicht wissen, wie sie sich ernähren sollen, seitdem auf ihren Feldern nur noch Tierfutter wächst. Auch in Europa bauen Regierungen die Rechte von Arbeitnehmer*innen ab und drücken die Löhne, Leiharbeit ersetzt Festanstellungen und unter dem Credo der Flexibilität wird Freizeit zur Nebensache erklärt.

Foto: Jörg Böthling

Auch die Umwelt leidet unter der grenzenlosen Wertsteigerung: Ganze Landstriche werden weltweit durch Monokulturen, Bergbau, Stahlwerke und Fabrikanlagen verwüstet. Giftige Abwässer aus Minen und der industriellen Landwirtschaft verseuchen Flüsse und Grundgewässer, so etwa in Guinea bei der Gewinnung von Bauxit, dem Ausgangsmaterial für Aluminium.

Transnationale Unternehmen agieren im rechtsfreien Raum. So scheint es. Denn selbst bei schwersten Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstößen sind sie kaum haftbar zu machen. Mit freiwilligen Verpflichtungen setzen sich Unternehmen werbewirksam in Szene. Nachhaltigkeit wird zum Slogan und heißt: Corporate Social Responsibility, kurz CSR. Statt Nachhaltigkeit zur Chefsache zu erklären, wird sie dem marktliberalen Mantra untergeordnet. So sitzen CSRExpert*innen nicht im globalen Einkauf eines Unternehmens, sondern eher in der Marketing- und Presseabteilung. Das Nachhaltigkeitsversprechen wird zur Gewinnmaximie rung missbraucht: Fra gen Konsu – ment*innen nach ethischen Produkten, antworten sie mit Siegeln, statt die vorherrschenden Einkaufs- und Geschäftspraktiken ihrer Firmen grundlegend in Frage zu stellen.

All das zeigt: Um moderne Sklavenarbeit und den Raubbau an unserem Planeten zu unterbinden, ist staatliche Regulierung unumgänglich – national wie international. Die Politik muss das Gemeinwohl schützen, denn viele Unternehmen wirtschaften nicht von sich aus nachhaltig – aller Nachfrage zum Trotz. Eine Gewinnerzielung, die weltweit auf Kosten von  Beschäftigten sowie zu Lasten der Umwelt geht, darf nicht länger stillschweigend akzeptiert werden.

 

Sandra Dusch Silva, Christliche Initiative Romero

Artikel aus der taz-Beilage „UN-Treaty – Menschenrechte vor Profit“ der Treaty-Allianz Deutschland, erschienen am 12. Oktober 2017