Es ist schon verblüffend, wie gut es Verlagen manchmal gelingt, einem Buch die verdiente Leserschaft vom Leibe zu halten. Auf der Suche nach einem harmlosen Einschlafmittel fand ich neulich im Regal ein vergessenes Buchgeschenk, dessen lahmer Titel „Allein mit Shirley“ den Zweck zu erfüllen versprach. Zusammen mit dem Coverfoto von einer menschenleeren viktorianischen Entree, das gut auch auf die Zeitschrift „Home & Country“ gepasst hätte, bildet er die Überraschungsverpackung für einen krassen satirischen Roman über das Wirken der neoliberalen Verwüstungsmaschine im Großbritannien der 80er Jahre.

Das Buch von Jonathan Coe erschien dort schon 1994, hat aber leider gar nichts von seiner Aktualität verloren. Im Mittelpunkt stehen die zahlreichen Sprösslinge der wohlhabenden Familie Winshaw, die fast alle große Karriere in Thatcherland machen. Hilary fühlt sich als Kolumnistin berufen, die Gewerkschaften zur Sau zu schreiben, Henry setzt sich als Politiker tatkräftig für den Ruin des National Health Service ein, Dorothys Lebenswerk besteht darin, den netten Bauernhof ihres Mannes zu einem riesigen Fleischproduktionskonglomerat auszubauen, dessen hormonverseuchte Produkte sie niemals selber essen würde, Roddy vögelt junge Künstlerinnen, um sie dann doch nicht in seiner einflussreichen Londoner Galerie auszustellen, Thomas plündert als Heuschrecke die Pensionskassen übernommener Unternehmen, und Mark, bereits Repräsentant der nächsten Generation, beliefert Saddam Hussein mit Giftgas und Waffen für seinen Krieg gegen den Iran, um vermutlich einige Jahre später die britische Armee für den Krieg gegen Saddam Hussein auszustatten. Vorher ist aber für Schwester Hilary noch genügend Zeit, die Foltervorwürfe gegen Saddam Hussein in ihrer Kolumne für lächerlich zu erklären, und Politiker Henry kann die Regierung zur Vergabe großzügiger Kredite an den Irak motivieren, mit denen Saddam die Waffen seines Neffens kaufen kann – denn natürlich sind alle Winshaws in höchst destruktivitätssteigernder Weise miteinander vernetzt.

Die Kapitel über diese skrupellosen, geldgierigen, mit größter Selbstverständlichkeit korrupten ProtagonistInnen sind die saftigsten Stücke in diesem Roman. Um sie herum legt sich eine Art Rahmenerzählung, die fast eine zweite, ernst und unsarkastisch erzählte, alles in allem ziemlich traurige Geschichte ergibt – die Geschichte der Opfer des Thatcherismus. Am Ende hängt wild konstruiert alles mit allem, jede mit jedem und das Ganze auch noch mit einem Horrorfilm gleichen Namens („What a Carve-up!“) zusammen. Ergebnis dieser akrobatische Anstrengung ist ein so verknäuelter und unübersichtlicher Plot, dass man manchmal verzweifeln möchte. Dann liest man aber doch weiter, und mit dem Einschlafen ist es wieder nichts gewesen.

Das einzige, worum sich die Winshaw-Gang in diesem Buch wohl aus Zeitgründen noch nicht kümmern konnte, ist die Demontage des britischen Bildungssystems. Aber diese Geschichte erzählt mir gerade jemand, der fast zwanzig Jahre in Schottland gelebt und gelehrt hat und auch liebend gerne dort geblieben wäre, aus Verzweiflung über die dortige Bildungspolitik aber nun nach Deutschland zurückkehrt.

Schreiben eigentlich auch deutschsprachige AutorInnen manchmal Bücher, in denen die umstürzenden gesellschaftlichen Veränderungen um sie herum auch nur am Rande vorkommen? Ich habe vor ein paar Jahren aufgehört, mich für neue deutsche Literatur zu interessieren, weil mir immer nur Bücher entweder über die Krankheiten oder über die Kindheit oder über die Kindheit der Eltern oder der Großeltern der VerfasserInnen in die Hände gefallen sind. Sollte sich daran inzwischen etwas geändert oder ich etwas übersehen haben, sagen Sie mir doch bitte Bescheid.

Jonathan Coe: Allein mit Shirley, Roman, Piper, 1998 (Taschenbuchausgabe). Englische Originalausgabe: „What a Carve-up!“, Viking, London 1994