Aufruf zum Schreiben von Protestbriefen

Weil sie den Missbrauch durch die Mikrokredit-Organisationen angeprangert und zahlreiche Opfer dieser Organisationen verteidigt haben, drohen Amina Mourad und Benasser Ismaini fünf Jahre Gefängnis ohne Bewährung!

Das Urteil soll im Gericht von Ouarzazate am 28. Januar verkündet werden.

Ursprünglich war der Prozess schon für den 17. Dezember 2013 festgesetzt worden, er wurde auf den 6. Januar verschoben, weil die 9 Zeugen der Anklage nicht erschienen waren; er wurde dann nochmal verschoben.
Danke an diejenigen, die Protestbriefe verschickt haben! Diese Aktion kann und sollte weiterlaufen. (Musterbriefe und Adressen: siehe ganz unten)

Die Vereinigung der Opfer der Mikrokredite in Marokko umfasst inzwischen mehrere Tausende Personen, vorwiegend Frauen.

Sie wehren sich dagegen, dass die Zinssätze riesig sind (2% oder mehr pro Monat!), dies zusätzlich zu den Bearbeitungsgebühren und zu der Kreditversicherung.

Sie prangern auch an, dass die Vermittler solcher Kredite mit allen erdenklichen Mitteln ihnen Kredite aufschwatzen und die Bedingungen verschweigen (45 % der Kreditnehmenden sind Analphabetinnen und Analphabeten – dies nach eigenen Angaben der Mikrokredit-Institution INMAA, http://didier.krumm.free.fr/inmaa/nos_produits_financiers.html ).

Sie wehren sich dagegen, dass ihnen Gefängnisstrafen angedroht werden, falls sie nicht rechtzeitig zurückzahlen.

Manche Familien mussten ihr weniges Hab und Gut verkaufen. Frauen finden oft nur den Ausweg der Prostitution, auch Selbstmorde sind zu beklagen.

 

Mikrokredite wurden als Lösung zu der Armut gepriesen – die Menschen dort sehen es anders. Auch wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Danach verbessert sich die Lage nur bei 5 % der Kreditnehmenden, bei den meisten verschlechtert sie sich. Als Begründung schreibt Kathrin Hartmann: „Der grundsätzliche Denkfehler der neoliberalen Entwicklungshilfe aber ist, jeder Mensch könne sich als Unternehmer selbst aus der Armut befreien. Es ist nichts anderes als die Idee der Ich-AG, die selbst im reichen Deutschland grandios scheiterte…Wie könnte so ein Konzept in einem bitterarmen Land funktionieren, wo jegliche Infrastruktur fehlt? Wie viele Näh- und Teestuben braucht ein Dorf? Wie viele Reisstände auf dem Markt können bestehen, ohne sich gegenseitig die Preise zu verderben? Woher sollen die Kunden kommen, wenn die Menschen so arm sind, dass sie hungern?“ (Hartmann, Kathrin: Armutsbekämpfung, Die Mikrokredit-Lüge, 10.1.2012, Berliner Zeitung, http://www.berliner-zeitung.de/kultur/armutsbekaempfung-die-mikrokredit-luege,10809150,11411146,item,3.html)

 

Anmerkungen:

 

1. Mehr zu den Mikrokrediten in Marokko:

 

 

Es gibt auch eine Reihe von Videos mit französischen Untertiteln zu den Auswirkungen der Mikrokredite und zu den Protesten:
a) Zu dem Prozess:
2.12.2013, Erklärungen der beiden Angeklagten: https://www.youtube.com/watch?v=1peNIMd5n_U
Demonstration im September 2013
https://www.youtube.com/watch?v=rHaF5Ev_JTY
b) 11.-12. März 2012: Versammlung in Ouarzazate von rund 500 Frauen gegen die Mikrokredite

https://www.youtube.com/watch?v=otWwoshsPDw, https://www.youtube.com/watch?v=TOA-trzyVME

Interview mit Amina Mourad: https://www.youtube.com/watch?v=OahIH4SVT8Q (Februar 2013)

Wie Mikrokredite die Armut von Frauen noch verschärft (März 2012), https://www.youtube.com/watch?v=C8Ujnb0JRuY

 

2. Allgemeiner zu den Mikrokrediten:

Ein Märchen aus Bangladesch – Mikrokredite gegen Armut, von Gerhard Klas, http://sandimgetriebe.attac.at/10745.html.

Gerhard Klas ist Journalist und Buchautor: „Die Mikro-Finanzindustrie – Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut“, Assoziation A. , 2011 (Buchrezension: www.kritisch-lesen.de/rezension/mikrokredite-die-losung-gegen-armut )

Im Frühjahr 2014 erscheint der Sammelband „Rendite machen und Gutes tun? Mikrokredite und die Folgen neoliberaler Entwicklungspolitik“ im Campus-Verlag. (Hrsg.: Gerhard Klas und Philip Mader)

 

3. In Marokko sind viele soziale Kämpfe und Arbeitskämpfe zu verzeichnen, die hier nur kurz angerissen werden:

– Eine Solidaritätskarawane nach Ouarzazate mit ca. 3000 Menschen hat am 4. Januar stattgefunden, in der auch Forderungen zur Respektierung der gewerkschaftlichen Rechte und zur sozialen Sicherung erhoben wurden. Sie richtete sich auch gegen die politische Unterdrückung.

(dazu mehr hier: http://asdhom.org/?p=83323). https://www.facebook.com/SolidariteAvecLesMineursMarocains/info
Diese Karawane wurde von attac Marokko, von Menschenrechtsorganisationen, von Gewerkschaften und von mehreren Parteien getragen.

 

– Es gibt starke Proteste gegen den Silberbergbau, wegen Zerstörung der Umwelt durch Blausäure und Quecksilber, die Bewohner bleiben bitterarm, die Mine gehört zu einer Gruppe im Besitz der marokkanischen königlichen Familie http://www.managemgroup.com/. Zu den Protesten gehört die Besetzung eines Bergs seit August 2011: http://www.aldeah.org/fr/mouvement-sur-la-voie-de-96-imiderhttp://www.tamazgha.fr/Imider-la-repression-comme-seule.html

 

– In Casablanca entfachen sich immer wieder Auseinandersetzungen um die Wohnungsfrage: Ende Dezember wurden Menschen aus ihren Notbehausungen vertrieben, alles wurde platt gemacht – zugunsten von Baufirmen –  s. dazu https://plus.google.com/photos/109814657023437756092/albums/5963273032855889745?authkey=CPOZycrnqd-V2AE ,

Video (in arabischer Sprache, die Bilder sprechen aber für sich): http://youtu.be/gT5KbW3MInw 

 

4. Die politische Repression in Marokko nimmt zu:

Woche für Woche berichtet die Menschenrechtsorganisation http://asdhom.org über die Situation der politischen Gefangenen; sie organisiert Patenschaften. S. dazu auch http://sandimgetriebe.attac.at/10610.html und http://www.attac.de/uploads/media/SiG_sonderheft_zu_Marokko_nov_2012.pdf

 

Beispiele der Repression: Ein Gewerkschaftssekretär wurde im Juni wegen Drogenbesitz angeklagt – und schließlich freigesprochen: http://www.marocpress.com/fr/lakome/article-48845.html; seit Ende Dezember werden Hamid Berka und Ichou Hamdan im Polizeirevier von Tinghir festgehalten (s. http://asdhom.org/?p=83323 ), beide Aktivisten der „Voie 96“ in Imider (s. oben, Bergbau).

 

5. Beziehungen EU-Marokko:
Marokko ist ein „Musterland“, was die Anpassung an die Wünsche insbesondere der EU-Länder angeht, s. dazu: Kein Freihandelsabkommen mit der EU!, http://sandimgetriebe.attac.at/10599.html

auch SiG 69 (2008): Die EU zerschlägt an ihren Grenzen die öffentlichen Dienstleistungen, von Lucile Daumas (attac Marokko), http://sandimgetriebe.attac.at/6818.html

SiG 33 (2004): Erklärung von Attac Marokko zum Freihandelsabkommen Marokko/USA, http://sandimgetriebe.attac.at/2856.html

Die offizielle Seite: EU-Papier Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsintrument – Marokko – Strategiepapier 2007-2013:http://ec.europa.eu/world/enp/pdf/country/enpi_csp_morocco_de.pdf

http://ec.europa.eu/trade/policy/countries-and-regions/countries/morocco/

 

Danke an die Mitglieder von Attac Marokko für ihre Informationen, danke an Gabi und Dagmar für die Mitarbeit!, 14.1.2014

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Attac Deutschland, 11.12.2013

An die marokkanische Botschaft

Niederwallstraße 39

10117 Berlin

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Attac Deutschland protestiert gegen die drohende Verurteilung von zwei Aktivist_innen in Marokko.

Amina Mourad und Benasser Ismaini, Koordinator_innen der Bewegung der Opfer von Mikrokredit-Organisationen in der marokkanischen Ouarzazate-Region drohen fünf Jahre Gefängnis ohne Bewährung.

Sie sollen verurteilt werden, weil sie betrügerische Machenschaften von Mikrokredit-Organisationen angeprangert und zahlreiche Opfer verteidigt haben. Das Urteil soll am 17. Dezember verkündet werden.

 

Zum Hintergrund:

Seit 2011 führen 4500 Frauen in Marokko einen mutigen Kampf gegen Mikrokredit-Organisationen wegen Betrug und unerträglichen Kreditbedingungen, die zu ihrer Überschuldung und zu einer zunehmenden Verelendung führen.

Anfang 2011 hatten vier Mikrokredit-Organisationen Klage gegen Amira Mourad und Benasser Ismaini erhoben wegen Betrug, übler Nachrede und Bedrohung. Nach mehreren Verschiebungen des Prozesses waren die Klagen zurückgenommen worden und beiden in erster Instanz für unschuldig erklärt worden.

Es wurde dann doch erfolgreich Berufung eingelegt, nunmehr fordert der Generalstaatsanwalt die Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung.

Attac Deutschland fordert Freispruch und ein Ende der Verfolgungen von Amina Mourad und Benasser Ismaini. http://www.attac.de/neuigkeiten/

 

Wir bitten Sie darum, dass Sie diesen Brief an die zuständigen Stellen weiterleiten und sich für eine Beendigung der Verfolgungen von Amina Mourad und Benasser Ismaini einsetzen.

Für Nachfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

 

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Musterbrief für das marokkanische Justizministerium

Ministry of Justice

Request for acquittal for both defendants Amina Mourad und Benasser Ismaini in Ouarzazate

Dear Sir or Madam,

For several months, two community leaders, Amina Mourad und Benasser Ismaini, leaders of the Association for People Protection for Social Development are on trial in Ouarzazate. The judgment will be announced on the 28th of January.

Themicrocreditsystemis often associated withfraud andmanyabusesandoften leadsthe involved people inbig issues.Neverthelessone wantsto criminalizethe defenders ofvictims, probably to keep themquiet.

The purpose of this letter is to express my solidarity with the victims of microcredits and their defenders.

Therefore, I askyouto do everythingin your powerto terminatethelawsuits againstAmina Mourad und Benasser Ismaini.

 

Thank you for your support in advance.

Sincerely yours,

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Here are the fax numbers of the institutions :
– Province of Ouarzazate : 00212 5 24 88 25 68
– Court of Appeal Ouarzazate : 00212 5 24 88 20 42
– Ministry of Justice: 00212 5 37 72 37 10 or cabinet@justice.gov.ma

Marokkanische Botschaft in Berlin:

Niederwallstraße 39, 10117 Berlin

Telefon: +49 (0) 30 20 61 24 0, Fax: +49 (0) 30 20 61 24 20

E-mail: kontakt@botschaft-marokko.de

 

Bitte schickt eine Kopie der Mails und der Antworten an azikiomar2008@gmail.com (Vorsitzender von attac Marokko) , attac.cadtm.maroc@gmail.com und an die AG Internationales von attac Deutschland, international@attac.de