Der Slum Korogocho  ist ärmer als das Gebiet, in dem wir am Mittwoch waren. Es gibt keine hohen Gebäude hier. Aber – welch ein Glück – auch keine Autos, es ist viel leichter, hier zu atmen. Menschen und Waren werden mit Motorrädern oder Handkarren transportiert. Die Straßen sind erstaunlich breit und fast unversehrt. Das sind Veränderungen der letzten Jahre. Auch Straßenlaternen gibt es jetzt, was die Kriminalität reduziert hat, erklärt mir mein Rundgangs-Nachbar von der Jungle Africa Initiative.

Allerdings hat die Stadt, nachdem man dort die Straßenverbreiterung beschlossen hat, die störenden Hütten einfach räumen und abreißen lassen, ohne mit den Menschen im Slum zu reden. Inzwischen ist das wohl besser geworden, es gibt nun vorherige Gespräche und teilweise auch Entschädigungen oder Unterstützung bei der Gestaltung einer neuen Bleibe.

Wir werden hineingebeten in das „Jungle Africa Art & Education Centre“. Eine noch recht junge Lehmhütte mit angenehm kühlem Inneren. Hier ist Platz für einen Stuhlkreis mit bis zu 30 Personen. Wir werden etwas mehr als ein Dutzend Leute.

Großer Austausch in der schönen Lehmhütte

Die Jungle Africa Initiative begeistert mich besonders. Mehrere Künstler arbeiten hier mit Jugendlichen und Waisenkindern zusammen. Theater ist dabei das wichtigste Medium. Um selbst genug zum Leben zu haben und das Projekt am Laufen zu halten, tritt der „music choreographer“ immer wieder auch im Theater Nairobis und in Schulen auf.

„Magnet theatre“ nennen sie, was sie gemeinsam tun. Sie spielen Stücke aus dem Alltag Kenias und provozieren ihre ZuhörerInnen zu Diskussionen über das Geschehen. Ein Stück bekommen wir sogar vorgeführt: Mit selbst getexteten und komponierten Liedern bringen sie Ohrwürmer zum Weiterdenken mit. Die fünf Schauspieler stellen eine leider alltägliche Situation dar, eine Gruppe junger Männer, die berichten vom Hunger in der Community, von unzureichender Sicherheit, von einer Vergewaltigung, der Notwendigkeit, vor Ort zu handeln. Der Chief des Dorfes wiegelt ab und verspricht larifari ein bisschen was, wobei deutlich wird, dass Hilfsgelder bereits wieder versickert sind und der Kopf der Gemeinschaft massiv bestochen worden ist, eigentlich nichts zu tun. Die wütenden Leute vertreiben ihn von der Bühne.

Das Theater beginnt mit einem Lied. Hier darf auch der korrpute Chief noch mitsingen. Könnten wir genug Kisuaheli, hätten wir bestimmt in den Refrain eingestimmt.

„Link the hidden treasure“ ist eine Selbsthilfegruppe junger Frauen und Mütter. Es geht um Selbstvertrauen und um praktische Selbsthilfe, wie Kinder, Bildung und das tägliche Überleben unter einen Hut zu bringen sind. Die Gruppe erwirtschaftet ein kleines Einkommen, in dem sie mit Abfällen von der Deponie Schmuckstücke herstellt, Seife selbst produziert und Haarteile aus dem Müllberg recycelt. Einige von ihnen sind als Frisörinnen ausgebildet und flechten die Kunsthaare ihren Kundinnen in die Naturmähne ein. Die Gruppe trifft sich jeden Samstag und diskutiert auch zetrale Fragen wie den Widerstand gegen Gewalt (meistens ihre Männer), den Umgang mit Prostitution (die oftmals die einzige Einnahmequelle ist) und HIV/Aids.

In der anschließenden Diskussion werden wir ausgiebig nach den Lebensbedingungen in Deutschland und nach Attac befragt. Die Schauspieler wollen auch wissen, was nötig ist, um Attac in Kenia zu gründen. Der Austausch bedeutet auch für mich einen neuen Blick auf das Land, aus dem ich komme.

Ohne Gruppenfoto am Schluss geht nix.

Zwei Jungs von der High Rigde Development Initiative berichten von der Arbeit im Müllberg. Sie zeigen uns anschließend auch diesen Ort.Es stinkt grauslich. Der Fluss, der sich hier entlang schlängelt ist hochgiftig und anthrazitgrau.

Viele Männer und Frauen waschen alte, aus dem Müll geborgene Plastiktüten und Müllsäcke. Für 2 Schilling das Stück verkaufen sie die am Ende ordentlich aufgerollten Müllsäcke wieder an Haushalte im Slum.

Wir gehen anschließend eine breite Slumstraße zurück gen Bushaltestelle. Es gibt überall sehr billige Dinge hier: für 30 Schilling Hosen aller Marken und Größen, für 5 – 15 Schilling Gebäcke, Pommes, Gemüse und vieles mehr. An einigen Stellen liegen meterlang ausschließlich gewaschene Plastikteile aus dem Müllhaufen, alles querbeet: Besen, Töpfe, Flaschen, Gießkannen, Sandkastenförmchen, Deckel, Bürsten. Ein Flohmarkt der Ärmsten.