Ich freue mich darauf, am Montag erstmals ein Projekt zum zweiten Mal zu besuchen: Das „Art&Education Centre“ im Slum Korogocho.

Am Vormittag tippen Alexis und ich noch bei Wangui zu Hause 140 Adressen in den neuen Attac-Verteiler ein. Alexis hat einen günstigen SMS-Verteiler aufgetan, die ersten Mailinglisten sollen bald folgen. Dank der UNDP-Konferenz haben wir eine lange Liste mit Menschen aus allen Regionen Kenias.

Gar nicht einfach für uns Ortsunkundige: Weder bei den Counties, die die Leute als Herkunft angegeben haben, noch bei den Namen mit für Europäer ungewöhnlichen Vokal- und Konsonantenkombinationen können wir aus einer handschriftlichen Andeutung sicher auf das richtige Wort schließen. Immerhin weiß ich jetzt, dass „Otieno“ so etwas ähnliches wie „Müller“ in Deutschland ist. Erst um 13.00 Uhr erreichen wir die Innenstadt und unser Stamm-Internetcafé. Ich stelle die Blogs vom Wochenende online und lese etwas hektisch meine Mails.

Wangui ist uns nicht so schnell gefolgt, wie geplant. Wir „chanceln“ das geplante Treffen um 14.30 Uhr im Slum Korogocho, ich breche dorthin schließlich alleine auf,  weil ich mich für 16.00 Uhr mit den Theaterleuten vom „concrete jungle Africa“ verarbredet habe, um deren „Magnet Theater“ besser kennen zu lernen.

 

Im Bus verabrede ich mit meinem Kontaktmann, dass mir jemand entgegenkommt, ich mich aber bis zur benachbarten Kirche durchschlagen soll. An der Enthaltestelle des Matutus mitten in Mathare laufe ich auf die Gegend zu, in der es keine großen Gebäude mehr gibt. Am Übergang zwischen den beiden Slumgebieten finde ich ein Motorradtaxi bis zum Ziel. Dort taucht schnell Jack auf, ein junger Puppenspieler des Zentrums und nimmt mich mit in die Lehmhütte, in der ich zusammen mit Alexis und Carolin vor zwei Wochen war.

Heute spielen hier Kinder und nach und nach treffen fünf Frauen ein. Und schließlich Samuel, der das heutige Treffen leitet. Schnell ist klar: aus meinem Vorhaben, einfach nur zuzusehen und zu hören, wird nichts. Ich soll vorschlagen, was an diesem Nachmittag passiert. Ich erkläre meine eigentliche Intention und Samuel beginnt damit, die Methoden des Theaters ausführlich zu erklären. Er schreibt einen großen Flipchartbogen mit allen Planungsschritten voll. Spannend, aber wahrscheinlich nur für mich.

Samuel erlaeutert die Arbeitsweise des Theaterprojektes

Zum Magnet-Theater gehört ein intensiver Austausch mit den Betroffenen und eine gemeinsame Entwicklung der Stücke mit dem SchauspielerInnenteam: Am Anfang stehen Hintergrundrecherchen und Interviews meistens draußen und dort, wo die Probleme auftreten. Mariam erzählt, dass sie zu der Gewalt nach den letzten Wahlen zahlreiche Hintergrundrecherchen mitgemacht hat. Sie haben dabei Gespräche geführt, die sie erst verdauen mussten und sie zwangen durch ihre Fragen einige Leute, sich an Dinge zu erinnern, die sie lieber verdrängt hätten. Für diese Arbeit nahm sich die Gruppe viel Zeit.

Der nächst Schritt ist, Kernthemen und -thesen heraus zu kristallisieren und eine Story zu umreißen. Wenn klar geworden ist, welche Figuren auftreten sollen, kommt das beliebte Casting, bei dem die angedachten Figuren ihren Schauspielern zugeordnet und nach und nach „ausgemalt“ werden.

Ich stoppe Samuel, als er immer detaillierter die Evaluationsregeln erläutert, das klingt mir zu sehr nach Informationen, die nur die Geldgeber interessieren, von denen das Zentrum übrigens immer wieder welche gewinnen kann. Schwungvoll hängt er einen neuen Flipchartbogen an das alte Holzbrett. „Lasst uns ein Beispiel entwickeln!“, fordert er auf und für mich beginnt der spannendste Teil des Treffens.

Wir sammeln Problem-Themen in der Runde: Korruption, die hohen Lebensmittelpreise, Verbrechen. Nach einem kurzen Brainstorming um die verschiedenen Fragen konzentrieren wir uns auf die Lebensmittelpreise (Hurra!). Soll eine Frau beim Einkauf im Mittelpunkt des Stückes stehen? Wir sammeln weitere mögliche Figuren. Heute morgen stand in der Zeitung, dass die Zuckerrohrfarmer protestieren, weil sie keine Vorteile von der Preisrallye haben und selbst kaum noch überleben können angesichts der hohe Preise. Arbeitstitel unseres Stücks wird „Moses, the sugar-cane-farmer cannot afford sugar“. Der zweite Charakter in der Liste ist der Händler. Dann schlägt Jack aber vor, dass die beiden Kinder des Mannes in dem Stück vorkommen sollen, die es gewöhnt sind, vor der Schule Tee mit Zucker zu trinken und jetzt nicht losgehen wollen. Wir beamen uns also in die Hütte von Moses. Und jetzt wird nicht mehr theoretisch diskutiert. Damit das Stück mit einem Knaller beginnt (schließlich sind die Szenen des Magnet-Theaters Straßentheater) soll Geschrei auf der Bühne sein. Die Mutter schlägt die Kinder, weil sie sich weigern, ohne Zuckertee in die Schule zu gehen. Ich frage vorsichtig, ob wir nicht eine externe Figur einbauen sollten, weil nach meiner Überzeugung das Thema nicht in einem Familienkreis zu lösen ist, aber schon drückt mir Samuel einen „Stock“ aus aufgerolltem Papier in die Hand. Ich soll meine Söhne schlagen. Mein Protest verhallt, wir probieren es aus. Samuel führt vor, wie er als Moderator bei einer Aufführung unserer Szene agieren würde. Obwohl die meisten Stühle im Raum leer sind (die jungen Frauen haben sich nach und nach wegen ihrer Familienpflichten verdrückt, es sind jetzt nur noch vier Männer da, die im Laufe des Treffens eingetrudelt waren) , fragt er die virtuellen Zuschauer, was hier geschehen sein kann. Darf eine Mutter ihre Kinder schlagen, wenn die nicht zur Schule gehen? „Mein Mann“ betritt die Bühne. Er kommt von der Arbeit mit dem Zuckerrohr und ist schrecklich müde. Jetzt erfahren die Zuschauer, dass die Kinder zuvor losgezogen waren, um Zucker zu kaufen und angesichts der hohen Preise unverrichteter Dinge zurückkehrten. Samuel stellt provokative Fragen an das Publikum: „Was könnten Moses und seine Familie tun?“ Er ist sich sicher, dass im Publikum zu diesem Zeitpunkt – auch durch weitere Fragen des Moderators – längst weitere Erfahrungen mit hohen Preisen ausgetauscht würden. Zucker ist eher ein Luxusgut, aber wer gezwungen ist, mit leerem Magen zur Schule zu gehen, riskiert wirklich Gesundheit und die Zukunft, die in der Schulbildung liegt. Warum ist Ugali so teuer geworden, das Grundnahrungsmittel aller, auch der Ärmsten? Warum wird in manchen Familien inzwischen „in Schichten“ gegessen, einen Tag der Vater, einen Tag die Mutter…?

Am Schluss spielen wir gegen die Dunkelheit an. Als ich die Gesichter meiner Mitspieler nicht mehr genau erkennen kann, hören wir auf.

Aufgrund meiner Wochenendreise habe ich die nützliche Kopflampe im Rucksack und hole sie heraus, um die Bewohner von Jacks Plastiktüte kennen zu lernen: Drei Puppen aus Draht, Holz und Pappmache. Samuel und der junge Puppenspieler lassen die Figuren auf dem zur Bühne umfunktionierten Flipchartbrett zu Moses und seiner Frau werden: Wie kann es sein, dass Zucerkbauer kein Geld haben, Zucker einzukaufen?

Jack und Samuel lassen die Puppen ueber Zuckerpreise diskutieren

Dann fische ich mein Mitbringsel heraus: einen ausgedruckten Vortrag über das Theater der Unterdückten von Augusto Boal. Wir rücken zusammen, gucken die Blätter durch und ich erzähle, wie ich damit mit Jugendlichen in Wolfenbüttel gearbeitet habe. Die Zitate Boals gefallen den Magnet-Theaterleuten besonders. Sehr zufrieden mache ich mich auf den Heimweg. Im Dunkeln hinter dem Motorradfahrer sieht niemand meine falsche Hautfarbe. Ich mag das abendliche Gewusel auf der „Slumpromenade“ sehr, hätte gerne ein Kopftuch und dunkle Schminke, um mich darunter mischen zu können.

 

“Wouldn’t it be wonderful to see a dance piece where in the first half the dancers danced, and in the second they showed the audience how to dance?

Wouldn’t it be wonderful to see a musical where in the first half the actors sang, and in the second we all sang together?”

“This is also how artists should be – we should be creators and we should also teach the public how to be creators, how to make art, so that we may all use that art together.”

Augusto Boal, 1931-2009