Der Haupt-Redner im People’s Parliament am Freitag ist Lennard Otieno, Mitglied seines County-Parlaments
Er redet (ziemlich chauvinistisch, finde ich) über das Leben eines Volksvertreters, von dessen Glaubwürdigkeit und der wichtigen Rolle seiner Frau als Hüterin des Hauses und seiner gepflegten Kleidung. Als er fertig ist, kommt er zu uns. Er ist einer der bekanntesten Streiter Kenias gegen Landgrabbing. Wir dürfen ihn interviewen.
Aus seinem Distrikt kommt Barak Obamas Verwandtschaft – jetzt kämpft er gegen einen US-amerikanischen Konzern, Dominion Farms Limited aus Oklahoma.
Wie so oft in solchen Fällen seien zunächst einige Männer als Missionare aufgetreten, hätten für ihre Kirche geworben und von einer wunderbaren Zukunft mit vielen Arbeitsplätzen gesprochen. „Die Armen haben zu viel Zeit zum Zuhören und Glauben“; klagt Lennard.
Unterstützt von den wichtigsten Männern der Gegend pachtete Dominion Farms schließlich knapp 70km² für 25 Jahre, auf denen Reis für den Export und den lokalen Markt wachsen soll. Damit wird derzeit eine ganze Region umgekrempelt. Das Land gehört zu den Wetlands, zum „Yellow Swamp“. Für das Bewässerungskonzept der Dominion Farmer werden Drainagegräben gezogen und anderswo Wasser angestaut. Der Stausee vertreibt Menschen aus ihrer Heimat. Vor zwei Wochen ließ Dominion knapp 5km² mit Mais, den die Einheimischen gepflanzt hatten, zerstören.
Lennard Otieno beteiligt sich selbst an Protest-Aktionen, er versucht es mit Lobbyarbeit gegen die US-amerikanische Firma und spricht mit den Medien. FIAN hat er zahlreiche Informationen für deren Report über Landgrabbing in Kenia und Mosambik gegeben.

Er sagt: „Die Landnahme durch Dominion hat ungeheuer viele Konsequenzen: Es geht um die Kontrolle des Flusses und des Sees, viele Menschen mussten ihren bisherigen Anbau, auch ihre Viehhaltung aufgeben.“ Die Fischerei in den Sumpfgebieten sei teilweise nicht mehr möglich, etliche Arten verschwänden aufgrund der Be- und Entwässerung. Immer mehr Kinder litten unter Mangelernährung, aufgrund der verschärften Armut der Familien habe Kinderarbeit wieder zugenommen. Die Firma setze starke Gifte ein, worunter erneut Menschen und Natur litten.
Bitter enttäuscht ist Lennard von den zuständigen Behörden. Oft reagierten die gar nicht auf seine Eingaben, viele seien schlicht gekauft.

Zu seinen Unterstützern zählt die „Friends of Yellow Swamp Alliance“, der sich viele Organisationen aus dem In- und Ausland angeschlossen hätten (u.a. ActionAid). Die EU habe eine Recherche über die Auswirkungen der neuen Landwirtschaft in den Sümpfen mitfinanziert. Trotzdem ist ein Durchbruch noch nicht in Sicht.
Lennard fordert zusammen mit Gleichgesinnten Gerechtigkeit, es müsse mindestens eine Kompensation geben für zerstörte Ernten und Zwangs-Umsiedlungen. Auch dafür gibt es noch keine Erfolgsmeldungen.
Aber so langsam trägt die Widerstandsarbeit Früchte. Nach seinen ersten Protesten sah er sich massiven Anfeindungen ausgesetzt. Es wurde gegen ihn ermittelt und er erhielt Drohungen. Er gab aber nicht auf und hält inzwischen die meisten seiner Landsmänner für seine „Leibwache“, weil viele darauf achteten, dass ihm nichts geschieht. Die Presse habe nach anfänglicher Zurückhaltung begonnen, immer öfter sachlich und richtig über seinen Kampf zu berichten.
Die neue Verfassung schreibe einige wichtige Dinge zur Nutzung und zum Erwerb von Land fest. Allerdings sei das noch lange nicht in der Praxis angekommen, in der 54 Gesetze zu diesen Fragen existierten, die sich teilweise widersprächen und je nach Interessen sehr unterschiedlich ausgelegt werden würden.

Bitter wird Lennard, wenn er über den Naturschutz spricht. Die Regierung habe weite Teile des Yellow Swamp zum Schutzgebiet (national reserve) erklärt, das aber letztlich als eine Hintertür zur Privatisierung genutzt: Heute kontrollierten private Sicherheitsfirmen die Einhaltung der aufgestellten Naturschutzvorgaben. Einige verdienten gut am aufkommenden Tourismus, die Einheimischen aber hätten das Nachsehen, weil das Konzept für die Region gänzlich darauf verzichte, traditionelle Nutzungen in Richtung Nachhaltigkeit weiter zu entwickeln. Viele würden einfach vertrieben und ausgeschlossen.
Wieder schimpft er über diejenigen, die sich Missionare nennen. Einer arbeite für die Organisation Osienala (Friends of Lake Victoria), die unter anderem den Sender Radio Lake Victoria betreibt, hierüber für die Aktivitäten von Dominion wirbt, und deren Spenden für den Naturschutz hervorhebt, während sie sich über die Folgen des Reisanbaus in Schweigen hüllt. Einer der Osienala-Vorstände sei auch im Vorstand des Kenya Wildlife Service, weshalb auch dieser als Bündnispartner für ihn nicht in Frage käme. Die Missionare nutzten die große Religiosität der KenianerInnen schamlos aus. Besonders umtriebig sei die „Church of Churches“, die viele Menschen dazu brachte, ihre bisherige Kirche zu verlassen, um sich diesem Unterfangen anzuschließen.
Ganz langsam beginne die anglikanische Kirche, sich kritisch zu den Landnahmen zu äußern. Die katholische Kirche tue sich weitaus schwerer. Zwar gäbe es einzelne kritische Stimmen, die auch mal zum Gebet für Aktivisten aufrufen, aber noch überwiegen die gekauften (bribed) Priester.

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Weil die Gläubigen so gerne gute Taten sähen, hätten die Landgrabber immer einige davon zu bieten: Sie spendeten Hunderte von Moskitonetzen für ein Dorf oder eine kostenlose Bilharziose-Behandlung für eine Woche in einer Region. Niemand spreche dann mehr davon, dass der Stausee das Vorkommen von Malaria in der Gegend massiv vorangetrieben habe und die schweren Durchfallerkrankungen aufgrund der neuen stehenden Gewässer in die Höhe geschossen seien.
Er empfiehlt uns abschließend eine Kontaktaufnahme mit der Kenya Land Alliance, die viele Landgrabbing-Fälle mehr bekämpfe. Im Rift Valley gäbe es ungezählte Fälle, weitere im Tana River District und in der Titaniamis-Coast Province. Goldschürfen sei der Grund für Landgrabbing im Migori District und in der Western Kenya Province.