Mit Wangui und ihrem Mitstreiter Hassan sind wir am Mittwoch im Nord-Osten Nairobis, im Slum Huruma Estate unterwegs. Über 100.000 Menschen leben hier, sagt Wangui. Aber alle Statistik ist hier schnell am Ende. Auch aufgrund der Hungersnot und der steigenden Mieten in der Stadt gibt es einen steten Zuzug. Die Stadt leistet allenfalls nach-folgende Planung, die Slums werden immer groesser.

„Richtig Arbeit“ haben die wenigsten hier, die meisten jungen Männer sind im Öffentlichen Nahverkehr beschäftigt, der besonders öfffentlich nicht ist. Wer ein eigenes Gefährt hat und mit reichlich Bestechungsgeld die nötigen Lizenzen zusammengekauft hat, nimmt Teil an der wilden Rallye durch die Stadt. An jeder Station schlägt der Wettbewerb durch, weil es keine geordneten Bussteige gibt und oft mehrere Matatus derselben Linie darum kämpfen, wer zuerst voll ist und losfahren kann. Die jungen Schaffner springen aus den Autos und preisen laut schreiend ihr Fahrzeug an.

Wir können mehrere Mitgliedsgruppen des Kengo-Netzwerks besuchen. Die Hauptaufgabe der meisten ist es, etwas zum Einkommen ihrer Mitglieder beizutragen. Die Gruppen sind aber auch Solidargemeinschaften und Orte des Austausches über die eigene Lage und Forderungen an die Regierung. Etliche der Aktiven aus dem Peoples Parliament leben in diesem Slum und sind in den Gruppen aktiv. Sie sind stolz darauf, in der Phase der Verfassungsdiskussion bis zur Volksabstimmung darüber im letzten Jahr eine wichtige Rolle gespielt und viele Beiträge geleistet zu haben.

Das Peoples Parliament im kleinen Park in Nairobis Innenstadt. Taeglich geht es hier um die Verfassung, um soziale Probleme und praktische Alternativen

Unsere erste Station ist gleich am Haltepunkt des Matatus: Das Community-Centre Ongoza Njia.
An der Wand des kleinen dunklen Raumes (keine 20 qm) hängen bunte Fotoausdrucke von Kindern in Aktion: Eine Capoeira-Tanzgruppe trifft sich hier, mehrere Kinder singen und machen Sport in der Kiamaiko Talent Initiative. Auch das Kengo-Netzwerk kommt in dem kleinen Büro manchmal zusammen. Das Projekt erhält eine kleine Förderung als „Reality tested youth programme“ und erwirtschaftet ein paar weitere Einnahmen, weil es Fotokopier- und weitere Bürodienstleistungen anbietet.

Wir treffen im Zentrum Grace und gehen mit Hassan, Wangui und ihr am Ziegenmarkt vorbei. Überall wird hier frisches Ziegenfleisch angeboten. Wir werden hineingebeten in einen der Schlachthöfe. Gerade so passen wir hindurch zwischen den gehäuteten Leibern, die dicht an dicht auf langen Stangen aufgehängt sind. Die Metzger zerlegen sie und schütteln uns zwischendurch die Hände. Obwohl es schönere Orte gibt, ist es irgendwie ein positives Gegenbild zu meinen Bildern im Kopf von den durchindustrialisierten Schlachthöfen aus Filmen wie „we feed the world“.

Dann besuchen wir das Büro der Frauengruppe IWIKE Women Group. Wobei „Büro“ irreführend ist, für mich ist es einfach ein enger Raum im ersten Stock einer der wenigen festen Gebäude des Slums mit einem Couchtisch und Stühlen drum herum. Grace zeigt uns die Schätze, die die Frauen – die meisten von ihnen sind HIV-infiziert – bei ihren samstäglichen Treffen produzieren. Viele tolle Ketten und Armbänder. Ketten aus Holzperlen, die aus den Resten der Möbelschreinerei des Slums hergestellt werden. Ketten mit Perlen aus Papier, die in geduldiger Fingerspitzenarbeit aus schmalen, spitz zulaufenden papierstreifen gewickelt und geleimt werden. Anhänger aus Ziegenknochen von der Schlachterei, die vor der Weiterverarbeitung lange gekocht werden müssen.
Die Gruppe wünscht sich, die schönen Dinge in Deutschland über Weltläden verkaufen zu können. Bisher war das nicht einfach, da die größeren Importeure hohe Anforderungen stellen und größere Mengen von allem brauchen. Der Widerspruch ist in die schönen Schmuckstücke eingebaut: Mangels Kapital fädeln die Frauen zwischen die selbstgemachten Blickfänge oft chinesische Glasperlchen. Wir wollen uns mit dieser und anderen Gruppen noch einmal treffen, um ein paar mehr Geschichten austauschen zu können, die dazu beitragen können, dass die Handwerkskunst bei uns vielleicht doch AbnehmerInnen findet.

Dann besuchen wir das kleine Büro zweiter Jugendinitiativen. Die Kibichui Youth Initiative sammelt sammelt Müll, einige von ihnen sortieren ihn und verkaufen, was noch einen Wert hat. Sie bekommen dafür Geld von den Anwohnern, da die Stadt hier im Slum keine Müllabfuhr organisiert. 50 Schilling (entspricht etwa 40 Cent) bekommen sie pro Monat und Haushalt, 40 junge Leute arbeiten in der Initiative.
Die Huruma Community Youth Group konzentriert sich auf Toiletten. Sie bewirtschaften mit 15 jungen Leuten zwei Toilettenanlagen a zwei Einheiten. Sie verlangen pro Klogang 2 Schilling und bekommen auf diesem Weg pro Tag 800 bis 1000 Schilling (alle zusammen). 4 weitere Jungs haben die Aufgabe, den Wassernachschub sicher zu stellen, denn Leitungen gibt es nicht bei diesen Klos, die immerhin an die Kanalisation angeschlossen sind.

Ich habe sehr gemischte Gefühle bei diesem Gang durch den Slum. Vieles, was ich sehe, gefällt mir: die Menschen sind entspannt, viele fröhlich. Es wird gelacht und gearbeitet, geruht und diskutiert. Farbenfroh ist es, nicht nur durch die bunt behängten Wäscheleinen, die sich überall durchziehen. Die allermeisten Menschen sind sehr ordentlich gekleidet. Auch hier fühle ich mich mit meinem T-Shirt tendenziell „underdressed“. Die Behausungen sind extrem beengt. Ein sechs-Quadratmeterraum wie das Büro der jugendlichen Klowächter wird üblicherweise von einer 4-köpfigen Familie bewohnt. Die Wege im Slum sind dort,wo Abwässer fließen, schlammig und stinkend. Andere hingegen sind „nur“ staubig, aber überall liegt viel Müll herum. Der Müll, der beim besten Willen nicht mehr weiter zu benutzen ist. Denn sonst wird alles irgendwie brauchbar gemacht.
Richtig anstrengend ist der Gestank der Autos an den Durchgangsstraßen. Dicht an dicht stehen hier die kleinen Verkaufsstände der Straßenhändler, aber die Abgase machen den Aufenthalt ätzend. Ähnlich fies ist es nur an wenigen Stellen, an denen gleich mehrere Kohlefeuer am Brennen gehalten werden für verschiedene Speisen oder Gewerke. Aber Nairobi ist eine wirklich menschenfreundliche Stadt: Die kühle Höhenluft (Nairobi liegt über 1600 Meter über dem Meeresspiegel) ist schon eine Ecke weiter wieder sehr angenehm.
Mal wieder wäre ich gerne ein Chamäleon: Alexis und ich sind den ganzen Tag über die einzigen Hellhäutigen hier, werden von den Kindern offen angestaunt, tausendmal gefragt „How are you?“ und immer wieder „mzungu“ gerufen, „Weiße“. Unsere Begleiter raten uns, nicht zu lange an einem Platz stehen zu bleiben, weil mit den Weißen immer Reichtum verbunden würde und schnell hohe Erwartungen entstehen könnten, was wir mitgebracht haben könnten.
Hassan fragt mich, ob ich mir vorstellen könnte, hier im Slum mit den Leuten zu leben. Ich könnte,  das brodelnde Leben gefällt mir sehr, die Community-Orientierung auch. Richtig einsam scheint hier niemand zu sein. Trotzdem nehme ich am Abend, als wir mit hereinbrechender Dunkelheit wieder an unserer Hütte südwestlich und außerhalb Nairobis ankommen, die reine Luft und die friedlichen Grasslands (noch immer ohne Giraffe) als wohltuenden Kontrast wahr.

Disclaimer: Für die Namen der Initiativen kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Wir strengen uns an und fragen nach, aber auch hilfsbereit notierte Namen sind für orts- und sprachfremde Augen oft schwer zu entziffern.