Am Donnerstag stieg das große Fußball-Turnier. Was in unseren Köpfen anfangs eine ganz kleine Idee eines Fußballspiels und die Übergabe eines Trikot-Satzes aus Karlsruhe war,  wurde jetzt ein Riesending: 700 Kindern aus sechzehn informellen Slum-Schulen nahmen teil am ganztägigen Fußballabenteuer auf dem Spielfeld am Rand des Slums Kiambiu. Organisiert und koordiniert vor allem von Hassan und Wangui, die eine große Zahl an HelferInnen gewinnen konnten.

 

In Kenia gilt eigentlich: Die Schuldbildung bis einschliesslich zur 8. KLasse ist kostenlos. In der Praxis stimmt das aber nicht. Die staedtischen Schulen verlangen Schuluniformen und Buecher, die die Familien selbst besorgen muessen. Ausserdem liegen viel zu wenige in den Slums, so dass die Familien dort auf die privaten informellen Schulen zurueckgreifen. Die Eltern zahlen hier ein geringes Schulgeld, koennen aber an der Ausstattung und dem Transport sparen. Obwohl viele der informellen Schulen eine engagierte Arbeit leisten, ist die Zahl der Schulabbrecher hoch, die derjenigen, die erfolgreich eine Secondarz School besuchen koennen sehr uebersichtlich.

Schon unterwegs zum Come-together der Slumschulen werden wir noch gebeten, Glucose einzukaufen. Der feine Zucker in Dosen ist der Hit für kleine Fußballer und ihre Fans, die das Pulver von ihren Handflächen schlecken, um jede Menge frische Energie für die nächsten Tore oder die dazugehörigen Jubelschreie zu haben.

Fussballmaedchen voll im Einsatz

Die Sonne macht an diesem Tag wirklich auf afrikanisch und brennt unerbittlich vom Himmel herunter. An den Hüttenwänden am Rande des Spielfeldes drängen sich die jüngsten Kinder und die weißhäutigen Gäste, um ein bisschen Schatten zu ergattern. Schon wieder wäre ich so gern ein Chamäleon: die dunkelhäutigen Kids spielen und sitzen gutgelaunt auch schattenfrei. Ab 9 Uhr morgens finden die Vorentscheidungsspiele statt, immer zwei gleichzeitig. Toll ist, dass alle Schulen Jungen- und Mädchenmannschaften aufgestellt haben. Die Mädels stehen den Jungs nicht nach und werfen sich mit großem Eifer in das Spiel. Manchmal sieht es mehr nach Rugby aus, aber jedes Tor wird vielstimmig begrüßt.

Eine Befürchtung unseres Kontaktlehrers der Waldorfschule hat sich nicht bewahrheitet: Er warnte davor, dass bei Fußball-Turnieren um attraktive Preise oft mit dem Alter der Spieler getrickst würde. Die HauptorganisatorInnen es Tages hatten (passend zu dem zur Verfügung stehenden Trikot-Satz) 10-jährige SpielerInnen vorgeschlagen. Bei einem ähnlichen Ereignis früher mussten die Rudolf-Steiner-Kicker wohl gegen gestandene Mannsbilder antreten. Ihr Betreuer ließ sich schließlich aber davon abbringen, prophylaktisch 14-jährige mitzubringen. Statt zu alter Spieler tummeln sich ziemlich kleine Menschen auf dem Platz. Mehrere der informellen Schulen sind noch im Aufbau und haben nur Kinder bis zur zweiten Klasse. Deshalb dürften gestern weitaus mehr sieben- als zehnjährige gespielt haben.

Beste Plaetze: in Bauchlage hinterm Tor verfolgen diese Fussballer das Spiel der Kollegen.

 

Die Stimmung auf dem Platz ist toll. Rund um die Spiele sowieso, aber auch an den jeweiligen Lagerplätzen der Schulen, zu denen wir Wazungu als kleine Pausenattraktion eingeladen werden, Fotos schießen müssen und ein Lied oder einen Sprechchor zu hören bekommen.

Der Zucker wird geschleckt, die Helfer schleppen Kanister an, an denen die Kinder lange Schlangen bilden, um einen Becher Wasser zu bekommen. Gegen Mittag gibt es Saft und frische Mandazi. Die frittierten Teigstückchen reichen allerdings nicht für alle, so dass für kurze Zeit  vor allem bei den Lehrkräften einiger Unmut aufkommt. Aber Nachschub wird herbei geschafft,  alle haben schließlich etwas zu Kauen.

 

Warten auf das Loeffelchen voller Glucose...

Der Tag ist nicht nur ein Sportereignis. Zum ersten Mal haben sich am Donnerstag die Lehrer und Leiter der lokalen Slumschulen getroffen. Während das Turnier seinen Gang geht und fleißige Helfer Punkte notieren, Spiele pfeifen und Getränke ausgeben, kommen VertreterInnen der Schulen an einem Ort zusammen, um sich kennen zu lernen und weitere Zusammenarbeit zu diskutieren. Wangui und Hassan, beide als Non-Stop-Aktive am Abend sehr erschöpft und zufrieden, freuen sich darüber am allermeisten.

 

Alexis und ich bieten ab Mittag unsere Papierwerkstatt an. Eine der beiden Schüsseln, die wir am Morgen an einem Verkaufsstand im Slum noch erstanden hatten, ist leider bereits verschwunden. Umso mehr braune Hände plantschen dann in der verbliebenen Schüssel, um aus dem Zeitungspapier einen schönen Brei zu machen. Unser „Papier“ hat eher Eierkartonqualität, aber die Sonne scheint so fleißig, dass sie am Abend fertig sind.

Viele Haende zerkleinern den Brei

 

Bevor die Preisverleihung in Gang kommt, bittet mich einer der Schulleiter, seine „Bustani School“, die nur wenige Minuten vom Platz entfernt liegt, in Augenschein zu nehmen. Oscar Madoya hat die Schule erst im letzten Jahr gegründet. 40 Kinder besuchen das kleine Schulgebäude mit dem staubigen Vorplatz jeden Tag. Da sie nur einen Raum haben, unterrichtet Oscar die Älteren von vorne, während seine Kollegin in den hinteren Reihen mit den jüngeren Lesen und Rechnen übt. Die SchülerInnen sind begeistert, mich begrüßen zu dürfen und schlüpfen bereitwillig in die Bankreihen um zu zeigen, wie es hier aussieht, wenn der Unterricht stattfindet. Sie singen ein Lied vor und wollen ein paar deutsche Wörter lernen, die sie mit großem Vergnügen wiederholen. Ich werde herzlich eingeladen, in dieser Schule zu unterrichten (wie auch schon vorher an drei anderen Schulen). Das wird leider erstmal nichts, aber ich bin froh, diesen kleinen Einblick bekommen zu haben.

Das Areal der kleinen Schule

Kostprobe: So laeuft hier der Unterricht. Ein Lehrer vorne, eine Lehrerin hinten.

Gegen Ende des Sportfestes gibt es noch Luftballons für alle und schließlich die feierliche Preisverleihung. Ausgezeichnet werden jeweils die besten Mädchen- und Jungenmannschaften. Das Trikotset lässt sich teilen, weil die Kindermannschaften noch nicht in der vollen Zahl spielen, so dass künftig ein fittes Mädchenteam und ein solches der Jungs in der Region die gelb-grauen Trikots tragen werden. Für sechs weitere Mannschaften gibt es Bälle.

Die Kapitaenin der punktstaerksten Maedchenmannschafft nimmt die Trikots entgegen

Erst danach treten die Rudolf-Steiner-Kicker gegen eine gemischte Mannschaft der ältesten Slumkinder an. Mathis und Oliver Franta unterstützen die gastgebende Kiambiu-Mannschaft und los geht es. Das Spiel ist schnell und spannend. Keine Mannschaft schenkt der anderen was, kurz vor Schluss steht es 2:1 für die Waldorfschüler. Knapp vor dem Schlusspfiff gelingt ausgerechnet Oliver der Ausgleichtreffer und die Mannschaften verabschieden sich mit einem Unentschieden voneinander. Olivers Klassenkameraden sind erst etwas säuerlich, dann verzeihen sie ihm.

Ziemlich stark gerötet, sehr staubig und sehr müde mache wir uns schließlich auf den Heimweg – einmal durch den Endlosstau raus aus der Hauptstadt.