Nachdem wir mehrmals herzlich eingeladen worden sind, haben wir versprochen, an diesem Sonntag in die Kirche zu gehen. Am Morgen kommt der Pfarrer in die Hütte von „Mama Indusa“, die wegen ihres Kirchenengagements nur noch „Director“ genannt wird. Er erhält einen Tee und einige Erdnüsse und betet zum Dank für den Tag und unseren Besuch. Mit ihm zusammen brechen wir zur Kirche auf.
Als wir den Matschweg entlangkommen tönt uns schon laute Musik entgegen. Es wird getrommelt und gesungen in dem Steinhaus mit Blechdach, das die Kirche beheimatet, zu der Hassan Indusas Mutter gehört. Die Gemeinde wird gerade leise, als wir eintreten. Wir setzen uns in die letzte Reihe und beobachten, wir eine Frau aufsteht und beginnt, etwas zu erzählen. Sie spricht Kisuaheli (oder doch die Stammessprache der Luhya?. Wir verstehen kein Wort, aber sie spricht so freundlich und gestikuliert wie eine Märchenerzählerin, dass ich mich trotzdem angesprochen fühle. Am Ende ihrer Erzählung wird ihre Stimme ein bisschen fordernder, sie klatscht rhythmisch in die Hände und die ganze Gemeinde fällt ein. Alle wissen, was jetzt zu tun ist, sie stehen auf und singen laut und fröhlich. In der Ecke rechts hinter dem Altar reckt eine ältere Frau ein Flüstertüte in die Luft, ein blaues Gerät mit Schlauch und großem Trichter, durch das sie offensichtlich „Halleluja!“ ruft. Links von uns setzen die Trommeln ein. Nach der Märchen-Stimmung ist jetzt afrikanische Party. Fünf laute Minuten, dann setzen sich alle hin. Eine junge Frau kommt nach vorne. Sie sagt eindringlich ein paar Worte und hebt dann mit klarer Stimme zu singen an. Nach wenigen Zeilen stimmt die Gemeinde ein. Wieder singen alle mit, laut und lebendig. Unsere Gastgeberin gibt uns ein Zeichen: Wir müssen aufstehen und mit ihr nach vorne gehen. Sie sagt in ihrer Muttersprache einige Sätze zur Gemeinde, in denen unsere Namen mehrmals vorkommen. Immer wieder rufen alle „Amen!“ im Chor und heben ihre Hände. Ein Übersetzer tritt heran. Er sagt uns auf Englisch, dass wir uns selbst vorstellen sollen. Wir bedanken uns für den freundlichen Empfang und zeigen uns beeindruckt von der Stimmung in der Kirche. Die Leute gehen total mit. Sie klatschen und winken und der Übersetzer gibt uns ihre Segenswünsche weiter. Wir setzen uns wieder hin. Nun kommen etliche kleine Reden. Der Gottesdienst ist zugleich Versammlung der Gemeinde. Eine Frau setzt sich als Übersetzerin zu uns und flüstert ab und zu, um was es gerade geht: Vor allem um Geld. Der Pfarrer wird durch die Gemeinde getragen. Es wird vom Kassenstand gesprochen und von der beschlossenen Anschaffung eines Dienstmotorrades für den jungen Pastor, der mehrere Gemeinden zu betreuen hat. Die Rednerinnen (alles Frauen) rufen dazu auf, zu geben, was man könne. Die „Leader“ müssen mehr geben, für das Motorrad bitte mindestens 500 Schilling pro Familie (etwas über 4 Euro), die normalen Mitglieder 300. Dann ist der Pfarrer an der Reihe. Zunächst rechtfertigt er auch nochmal die Motorradanschaffung und rechnet vor, was das Matatu auf die Dauer kostet und nennt die Vorteile einer zügigen Fahrt mit dem Motorrad. Er redet und betet dann länger, wie wunderbar es sei, dass wir heute zu Besuch gekommen seien. Die Gemeinde stimmt immer wieder mit „Ja!“ und „Amen!“ zu. Dann ist die erste Phase der persönlichen Dankgebete. Alle stehen auf und beten. Aber jeder für sich, so laut, dass ein kräftiges Tönen im Saal ist, eine wilde Mischung mehrerer Sprachen und vieler, vieler Ansprachen an Gott. Irgendwann hebt der Pfarrer die Hand und beginnt mit seiner predigt. Es geht um den 4. Paulusbrief an die Philipper. Unsere Übersetzerin hat für uns ihre englische Bibel aufgeschlagen, der Pfarrer tauscht uns zuliebe seine Kisuaheli-Bibel gegen die englische eines Gemeindemitglieds aus der ersten Reihe. Eigentlich ist der Gegenstand dieses Bibeltextes recht unspektakulär: Paulus ruft eine zerstrittene Gemeinde zur Eintracht auf, auf dass die streitenden Frauen, die beide eine große Rolle beim Aufbau der Gemeinde spielten, beide in der Gemeinde verbleiben können. Kaum fängt aber der Pfarrer mit dem Predigen an, wird ein Drama daraus: Er schreit seine Predigt mit aller Kraft. Die Akustik in der Kirche ist gut, ich habe bisher alle Stimmen gut vernehmen können. Aber jetzt brüllt der Mann vorne. Er predigt wegen uns auf Englisch, so dass ich alles verstehen kann (außer den Grund seines Schreiens). Faszinierend fällt die Übersetzung aus. Ein Mann aus der Gemeinde übernimmt die Aufgabe. Er steht neben dem Pfarrer und schreit auf Kisuaheli. Der Pfarrer spricht bewegt und rennt gestikulierend um den Altar herum. Der Übersetzer rennt mit. Die Beiden führen eine beeindruckende Choreographie vor. Zwischendurch spricht der Pfarrer direkt die Gemeinde an, die immer mit „Amen!“ und „Halleluja!“ antwortet. Dann wendet er sich an Alexis. Der muss aufstehen und soll sagen, wie hoch seine Körpertemperatur ist. „37 Grad! Und welche Farbe hat Dein Blut? Rot! Wie das unsere! Nur die Hautfarbe macht den Unterschied!“ Nachdem der Pfarrer erklärt hat, dass alle zusammenhalten müssen, egal welcher Hautfarbe, erklärt er, die Menschen aus dem Westen hätten den Afrikanern die Bibel gebracht. Ich zucke ein bisschen zusammen. Daran erinnert, sehe ich viel zu viel Gewalt vor meinem inneren Auge. Ich habe ziemlich viel Erschreckendes über die Missionierungsarbeit in Kenia gehört, bis zum heutigen Tage.
Phasenweise brüllt der Pastor, dass seine Stimme kippt und langsam wird er heiser. Aber schließlich ist die Predigt vorbei. Es wird wieder gesungen und geklatscht. Nochmal murmeln alle ihre verschiedenen Gebete.
Obwohl uns Hassan prophezeit hatte, dass wir uns spätestens nach einer Dreiviertelstunde sehr gelangweilt verziehen würden, merken wir kaum, dass schon zwei Stunden vergangen sind. Dann kommt die Kollekte. Zu rhythmischem Klatschen und Singen müssen erst die Kirchenvorstände an den Altar treten und Geld darauf legen. Dann die Nicht-Vorstandsmitglieder. Dann die Kinder. Dann wir. Wir haben zu dieser Wochenendtour nur so viel Geld mitgenommen, wie wir für Hin- und Rückreise brauchen und hatten uns bereits etwas von Carolin geliehen, um die Einkäufe für die Gastgeberin machen zu können. Ich habe ein schlechtes Gewissen, als wir zusammen nur 250 Schilling auf den Altar legen, nicht einmal zwei Euro. Das nimmt noch zu, als der Pfarrer darauf besteht, dass wir erneut nach vorne kommen. Wir müssen vor dem Altar stehen, als er ein letztes Mal für unseren Besuch dankt (dem, der uns geschickt hat) und uns alles Gute für die Reise wünscht.
Hassan beruhigt mein schlechtes Gewissen etwas: Das schönste sei für die Gemeinde tatsächlich der Besuch gewesen. Es passiere so wenig im Dorf, dass wir bestimmt über Tage ein Gesprächsthema böten.dem uns selbst vorstellen sollen. Wir be