In Deutschland hoppen dieser Tage allerlei RegierungspolitikerInnen und TechnokratInnen durch die Talkshows um zu erklären, dass man Griechenland ja helfen wolle, dass das aber nur ginge, wenn dort auch ernsthafte Sparmaßnahmen umgesetzt würden. Derweil wird in Griechenland die Bevölkerung mit einem Kürzungspaket nach dem anderen weit an die Grenze der Belastbarkeit getrieben. Der Ernst der Lage ist hier in Athen sehr deutlich zu spüren.

In den letzten sechs bis zwölf Monaten hat sich das Bild der Stadt verändert: überall leer stehende Läden, überall hochgerüstete PolizistInnen und private Sicherheitskräfte, Obdachlose an jeder Ecke, die Suppenküchen schießen wie Pilze aus dem Boden. Mehrfach wurden wir gewarnt, auf unsere Habseeligkeiten gut aufzupassen und uns nicht als TouristInnen zu geben. Die Kriminalität ist drastisch gestiegen. Die neue Armut dieser Gesellschaft ist offensichtlich geworden. Athen ist nicht mehr das, was man sich gemeinhin unter einer europäischen Metropole vorstellt.

Dieser Eindruck bestätigte sich auch im Gespräch mit unseren FreundInnen von Attac Hellas, mit denen wir uns gestern zum Abendessen trafen. Alleine das jüngste Kürzungspaket bedeutet eine weitere Aushöhlung des ohnehin arg geschröpften Gesundheitswesens, weitere Lohnsenkungen, weitere Entlassungen im öffentlichen Dienst und weitere Rentenkürzungen, teilweise um 40% auf einen Schlag.

Binnen kürzester Zeit stürzen Familien aus der Mittelschicht in heftigste Armut, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 50%, Perspektiven gibt es keine. Die gesamte Bevölkerung ist massiv von den Kürzungen betroffen. Oft wurde uns verdeutlicht, dass die soziale Krise in Griechenland deutlich tiefer geht als die Argentinien-Krise von 2001 und dass die Kürzungsmaßnahmen schärfer sind als jene, die der IWF in den 1980er und 1990er Jahren im globalen Süden diktierte.

Das schlimmste ist wohl, dass es keinerlei Aussicht auf eine Verbesserung der Lage gibt. Die Kürzungspolitik stürzt Griechenland immer weiter in die Krise. Die Menschen spüren ganz direkt, dass die Lage bitter ernst ist und dass es immer schlimmer wird. Die Perspektivlosigkeit nimmt Vielen ihren Mut. Damit gibt es nicht mehr „nur“ ein direktes soziales Problem. In dieser Konstellation schlägt die Stimmung im Land auf gefährliche Weise um. Zum einen steigt die Ablehnung gegenüber MigrantInnen. Zum anderen schlägt die tendenziell offene, pro-europäische Stimmung in eine anti-europäische Haltung um, die insbesondere eine große Wut gegen Deutschland beinhaltet. Laut einer aktuellen Umfrage haben 70% der GriechInnen ein negatives Deutschland-Bild. Angesichts der sozialen Verwerfungen und der üblen Rolle, die die Bundesregierung spielt, ist das durchaus verständlich.

Die GriechInnen betrachten ihr Land als neoliberales Versuchslabor. Es wird demnach getestet, wie weit sich ein radikaler Neoliberalismus im Sinne einer Schock-Therapie binnen kürzester Zeit durchsetzen lässt. Das Ergebnis wird für die Menschen in anderen Ländern ebenfalls bedeutend sein.

Umso wichtiger ist es jetzt, starke Zeichen der Solidarität zu setzen. Trotz aller Perspektivlosigkeit gibt es in Griechenland ein starkes Widerstandspotenzial. Ein Drittel der Bevölkerung sieht den einzigen Ausweg aus der Misere in der Revolution. Viele arbeiten auf sehr konstruktive Weise dafür. Wir haben heute oft gehört, dass die Solidarität von außen, den Widerstand innen in den letzten Wochen ganz eindeutig bestärkt hat. Wir werden während unserer Tage in Athen alles tun, um ein möglichst starkes Zeichen der Solidarität zu setzen. Aber das wird natürlich bei weitem nicht ausreichen. Die Menschen hier gehen von einem sehr langen sozialen Kampf aus, der nur als internationaler gewonnen werden kann.