Gentechnikfrei im Jeevanjee-Park

Montag, 5. September. Heute sind wir eingeladen, mit dem People’s Parliament über Gentechnik in der Landwirtschaft und den Widerstand dagegen zu diskutieren. Alexis und ich haben uns gut vorbereitet, wichtige Punkte auf Moderationskarten geschrieben und einige Vortrags-Folien von meinem Rechner ausgedruckt.

Allein das Ausdrucken ist ein kleines Abenteuer. An der Straße zum Park in Nairobis City stehen immer wieder Schilder mit Hinweisen auf diese Dienstleistung. Um in ihren Genuss zu kommen, muss ich mich in ein Labyrinth aus winzigen Ladeneinheiten hinter einer schmalen Tür wagen. Je etwa 4 Quadratmeter haben die Gewerbetreibenden, von denen mich bestimmt drei am Ärmel packen und fragen, ob ich nicht Jeans, Schuhe oder eine Jacke kaufen möchte, bevor ich die Treppen in den ersten Stock erreicht habe und dort noch einige Ladenzellen passieren muss, bis ich den Mann am Computer entdecke, umrahmt von drei Druckern und etlichen Packen Druck- und Fotopapier. Nach getaner Arbeit bringe ich ihn in Verlegenheit. Ich habe nur einen 500-Schilling-Schein (entspricht 3,75 Euro), er kann aber auf so einen großen Schein nicht rausgeben, die Laden-Nachbarn auch nicht, er muss auf die Straße eilen und im nächsten Geschäft nachfragen. Diese Geldwechsel-Klemme ist hier sehr verbreitet und führt uns morgens oft in einen Supermarkt. Das ist der einzige Ort wo es nur mäßig böse Blicke gibt, wenn wir einen 1000 Schilling-Schein auf die Theke legen (im Wert von 7,50 Euro. Fies, dass das der einzige Schein ist, den wir beim Geldwechsel nach unserer Ankunft in größerer Zahl erhalten haben.)

Unter dem Baum im Park drängen sich Neugierige. Trotz eines lauthals predigenden Christenmenschen keine 100 Meter von uns entfernt ist die Atmosphäre konzentriert. Wegen einer geringen Fluktuation in der Gruppe müssen wir ein paar Dinge mehrmals erzählen, aber das ist kein Problem.

Wir sprechen über die derzeit angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen und über die Unternehmen, die daran verdienen. Auch in Kenia geistert zur Zeit das Gerücht, dass nahezu jede Pflanze längst gentechnisch verändert im Angebot ist. Wir beruhigen ein bisschen und beunruhigen zugleich. Derzeit wird nur in drei afrikanischen Ländern Gentechnik kommerziell angebaut: in Südafrika, Ägypten und Burkina Faso. Allerdings nutzen interessierte Kreise die Hungersnot aus, um erneut Druck pro Gentechnik zu machen. Gleich an unserem ersten Tag in Kenia lieferte die hiesige Tageszeitung eine Sonderausgabe zur Gentechnik, die die Geschichte der manipulierten Pflanzen geschönt transportierte und zum Beispiel den Eindruck erweckte, als sei in Deutschland die Gentech-Kartoffel Amflora wohlgelitten. Gegen Mangelernährung helfen soll eine Manipulation des Maniok, als ob es die fundierte Kritik am „golden rice“ nie gegeben hätte.

Intensiver Austausch: Erfahrungen aus Deutschland und Kenia
Intensiver Austausch: Erfahrungen aus Kenia und Deutschland

Erfreut reagieren die Kenianer auf unsere Nachrichten aus Deutschland, der Schweiz und vielen EU Ländern und lauschen den wichtigsten Kritikpunkten. Wir versuchen einen Überblick über die internationalen Rahmenbedingungen zu geben, über Patent- und Agrarabkommen sowie die größten Agrarkonzerne. Besonders aufmerksam werden alle bei den vielfältigen Aktionen für eine gentechnikfreie Landwirtschaft und den Erfolgen der Bewegung. Etwas wie den Greenpeace-Einkaufsführer gab es in Kenia noch nicht, die Information über mögliche gentechnisch veränderte Produkte in den Supermarktregalen wäre allen ein großes Anliegen. Gentechnikfreie Regionen stoßen auf Interesse, allerdings steht der kommerzielle Anbau in Kenia zur Zeit nicht zur Diskussion, weshalb auch die großen Feldbefreiungen von den Leuten im People’s Parliament nicht für die erste Aktionsform der Wahl gehalten werden. Aber faszinieren lassen sich doch einige. Alexis erzählt aber auch zu schön von seinen Erfahrungen, wie 60 FeldbefreierInnen eine ganze Hundertschaft von Polizisten austricksen und die geplante Aktion erfolgreich durchführen konnte. Und Versuchsfelder gibt es auch in Kenia, ein Punkt, an dem wir nur raten können, nicht zu entspannt abzuwarten.

In der Debatte geht es noch um viele Details der Gentechnik. Und auch um die großen Fragen nach der Ernährung und Landwirtschaft in Zukunft. Was hilft wirklich gegen den Hunger, und wie können sich Menschen selbst günstig mit gesunder Nahrung versorgen? Nicht nur die Gentechnik ist dabei ein Problem. Mehrere unserer mittlerweile 50 Gesprächspartner berichten, dass sie es als große Belastung erleben, dass es nicht mehr möglich ist, Gemüse selbst zu vermehren. Denn die Saatguthändler bieten fast ausschließlich Hybride an, aus deren Früchten keine ertragreichen Samen mehr zu gewinnen sind. Auch so machen sich Saatgutkonzerne unentbehrlich und geraten Menschen in Abhängigkeit vom jährlichen Nachkauf. Wir haben ein paar samenfeste Ökosaatproben mitgebracht und freuen uns über die Idee der garten-affineren unter den Diskutanten, einen Saatguttausch weiter zu entwickeln.

garantiert gentechnikfrei: Schulgarten "unserer" Rudolf-Steiner-Schule mit Mini-Gewächshaus

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