Was für ein Tag!

Es ist doch tröstlich festzustellen, dass unsere Götter, die Finanzmärkte, wenigstens das Wetter noch nicht beherrschen….obwohl: Nicht mal das stimmt ja mehr! Aber die Feinsteuerung haben sie offenbar noch nicht so im Griff, sonst hätten sie sicher kübelweise Regen über uns ausgegossen und mit Blitzen nach uns geschmissen. Es kam aber anders: strahlende Sonne und ein knallblauer Himmel über uns allen am 15. Oktober in Frankfurt. Danke, Vorsehung.

Ursprünglich hatte unser Sprechchor sich darauf vorbereitet, mit seiner Griechischen Tragödie (Text als PDF) ein paar desinteressierte Passanten auf der Zeil zu belästigen. „Hundert Leute von uns kommen bestimmt dazu!“ hatte man uns beruhigt. Und nun das: 5000 erwartungsfrohe Demonstrantinnen und Demonstranten vor uns armen kleinen Laiengriechen auf dem Goetheplatz. Statt unwilliger Weghörer jetzt lauter Gleichgesinnte, die uns wahrscheinlich gleich zurufen würden: „Hoho, wissen wir doch alles schon! Wem erzählt Ihr das? Aufhören! Abtreten!“

Aber das geschah erstaunlicherweise nicht. Danke für den Szenenapplaus! Damit hatten wir nicht gerechnet, der hat uns ganz durcheinander gebracht. Trotzdem hat keiner seinen Einsatz verpasst; das ist auf den Proben nie vorgekommen. Vielleicht lag’s an dem mächtigen eisernen Dichterfürsten, der hinter uns dräute: „Los jetzt! Stellt euch nicht so an! Das werdet Ihr doch noch hinkriegen, das bisschen griechisch!“

Sonst ging aber alles schief, was schief gehen konnte: Die erhöhte Bühne in Gestalt eines Pritschen-LKWs war nicht gekommen, die Ersatzbühne aus Apfelweintischen hatten wir aus Angst vorm Runterfallen bzw. Umkippen abgelehnt, der Ton funktionierte wie üblich nicht richtig, und wir waren auch nicht fix genug zu begreifen, dass es keine besonders raffinierte Beleuchtungsidee ist, mit der Sonne im Rücken zu spielen, also quasi den großen Scheinwerfer voll aufs Publikum zu richten. So gaben wir also unser Bestes gut verborgen im Schatten des großen Goethe.

Tja, das war alles sehr aufregend für einen kleinen Haufen Sprechchoristen mit kalten Füßen. So aufregend, dass wir uns danach erst mal in ein sonnenbeschienenes Straßencafé setzen und frühstücken mussten und den ganzen Marsch vom Goetheplatz zur EZB ganz gemütlich verpasst haben. Als wir dann endlich auch unter dem gigantischen Euro-Denkmal ankamen, waren die großen Reden (hat es sie gegeben?) längst vorbei. Aber das gutgelaunte, bunte, internationale Protestfest war es noch lange nicht. Von dem sollen jetzt mal die Bilder erzählen.

Ach Frankfurt! Nabel des Euro-Reichs! Merkwürdig, aber es ist mir erst an diesem Tag aufgefallen: Wir leben in einer Stadt, deren größtes Denkmal ein fettes, nacktes Geldsymbol ist; Dagobert muss es in Auftrag gegeben haben.

Das war wirklich ein wundervoller Tag in Entenhausen am Main.