Wangui hat uns für das Wochenende zu sich nach Hause eingeladen. Die Gemeinde nordwestlich von Nairobi hat rund 20.000 EinwohnerInnen. Schon vor unserer Ankunft „streiten“ sich Hassan und Wangui, ob man hier von einem echten Dorf sprechen könne. Für Hassan ist die Region eindeutig zu urban und er meint, auch wir könnten erst ein Urteil fällen, wenn wir seine Heimat fast am Victoria-See kennengelernt hätten.

Der erste Eindruck am Freitag abend scheint ihm Recht zu geben: Wer mit dem Bus aus Nairobi kommt, steigt an einer stark befahrenen Straße aus, an der sich die Verkaufsstände drängen, wie wir das aus der Stadt kennen. Aber je weiter wir uns von der Straße und den Verkaufsständen, den höheren Häusern und den müll-übersäten Straßen entfernen, desto mehr Eselswagen begegnen uns, größere Gärten, Grün an den Wegen. Die Kinder nehmen sich mehr Raum beim Spielen, einige klettern auf den Bäumen herum. Über viele Tore ragen dicke Bananenbüschel an ihren Stauden.

Ein erster Rundgang: Wir entdecken bekannte und (uns Wazungu) unbekannte Pflanzen

Es ist doch das Kikuyu-Dorf, das uns Wangui versprach. Hier versteht man traditionell etwas von der Landwirtschaft. Rund um die Häuser liegen Gärten voller erntereifer Gemüse und Früchte. Zu jedem Haus gehört mindestens eine große Banenenstaude, Avocadobäume hängen voller köstlicher Avoccados. Guaven und Mangos wachsen hier auch. Viele Gemüsesorten können das ganze Jahr über geerntet werden. Obwohl es hier noch etwas kühler ist als in Nairobi, wird es auch nachts und im Wintermonat Juli selten kälter als plus 15 Grad. Wangui bringt Zuccini und Tomaten aus dem Garten, frischen grünen Salat und rote Zwiebeln. Ergänzt wird die reiche Ernte durch Hülsenfrüchte und Mais. Die Kikuyu kochen den Mais unzermahlen und kombinieren ihn meist mit einer Bohnen- oder Erbsensorte. Vegetarische Kost ist weitaus üblicher als in anderen Regionen.

Es ist schön bei Wangui. Auch, wenn der Strom oft ausfällt und es kein fließendes Wasser gibt. Dafür steht vor jedem Haus ein großer Wassertank. Die Regenrinne endet dort für die Monate, in denen der Regen fällt. Zweimal in Woche erhält jeder Haushalt vom kommunalen Wasserprojekt für drei Stunden Wasser, während derer der Tank aufgefüllt werden kann. In Wanguis Küche steht neben dem – wegen der Stromausfälle nicht so zuverlässigen – Kühlschrank ein kleinerer Tank, der per Kanister-Schleppen über die Distanz zum Außentank (ca 30 Meter) gespeist wird.

Ich sehe zum ersten Mal Fernseh-Nachrichten in Kenia. Sie werden auf Kisuaheli präsentiert, zwischendurch aber auch auf Englisch. Die Katastrophen der zurückliegenden Woche sind das zentrale Thema der Sendungen, der Wahlkampf und einige eigenartige Dinge: Ausgiebig bekommen wir zu hören, wie ein seltsamer Priester mit einem Stadion voller alleinstehender Frauen für perfekte Ehemänner betet. Wir hören, wie die Angeklagten Nummer 4,5 und 6 kurz vor ihrer Abreise nach Den Haag von der kenianischen Polit-Elite verabschiedet werden. Alle scheinen sie für die drei beten zu wollen, alle zeigen sich zuversichtlich, dass der Versuch des Chefanklägers Ocampo chancenlos ist, Verantwortliche für die Gewaltexzesse nach den letzten Wahlen mit fast 1400 Toten und über 100.000 Vertriebenen zu finden.

Am Samstag mittag ruft Wanguis Freund an: Sein Tank ist leer, er braucht Geld. Wangui drückt Hassan die nötigen Scheine in die Hand und schickt uns los: Bis zum nächsten MPesa-Punkt. Diese Form des Geldtransfers hat Kenia im Sturm erobert: Wir zahlen das Geld am Schalter ein, ein paar Knopfdrücke später erscheint auf Hassans Handy die Sicherheitsabfrage. Noch ein paar Tasten, bei uns die Bestätigung. Polycarp hat jetzt auf seinem Mobiltelefon die Eingangsquittung und kann beim nächsten Mpesa-Schalter an seinem Aufenthaltsort das Geld (minus eine kleine Bearbeitungsgebühr) abholen. Kein Wunder, dass hier niemand Wert auf ein Bankkonto legt.

Zurück im Haus zeigt uns Wangui ein paar Schätze, die sie für ihre ungeborene Tochter aufbewahrt: Eine alte Schreibmaschine, Videokassetten, ein Wählscheiben-Telefon. Das kleine Mädchen soll wissen, dass die Welt nicht immer digital war und es ein Leben vor dem Handy gab.

 

Gruenes Tal - wer entdeckt den Fluss noch?

Bevor es am Sonntag abend dunkel wird, besuchen wir noch Wanguis Mutter, wenige Straßen weiter. Die Familie besitzt relativ viel Land, wir steigen einen steilen Hang mit Bäumen und Nutzpflanzen zu einem winzigen Bächlein hinunter. Als Wanguis Mutter jung war, floss an dessen Stelle  noch ein echter Fluss, in dem sie baden konnte. Wir hüpfen über das Minigewässer und stehen einigen der Übeltäter gegenüber: Eukalyptusbäume, die wegen ihres schnellen Aufwuchses und widerständigen Holzes massenhaft angepflanzt wurden, brauchen viel, viel mehr Wasser als das Ökosystem übrig hat. Kommunale Wasserprojekte zapfen reichlich ab und weitere, uns unbekannte Nutzer zwischen Quelle und dem Familiengrundstück. Obwohl es in dem Tal wunderbar ruhig ist, alles sattgrün, viele Vögel zwitschern und der fruchtbare Boden reiche Ernte bereit hält , starre ich lange auf das Rinnsal vor meinen Füßen. Keine Perspektive für dieses Gärtnerparadies…