Gestern hatten wir Gelegenheit mit einigen Leuten von der Gewerkschaft des privaten Sektors zu sprechen. Das ist eine der beiden großen Gewerkschaften in Griechenland. Zwischen dem Besuch in der besetzten Stahlfabrik und dem Treffen mit den Indignados hatte die Visite bei der Gewerkschaft einen sich deutlich ausnehmenden Charakter. Große und gut ausgestattete Räume, professionelle Organisation etc. zeugen von einer Zeit, in der die Gewerkschaften über ausreichende Mittel für eine gute Arbeit im Interesse der ArbeitnehmerInnen verfügten. Die relative gute finanzielle Förderung der Gewerkschaften ist in der Zeit nach der Diktatur entstanden. Es ging darum, eine stabile Demokratie zu etablieren, in der starke Gewerkschaften ein selbstverständlicher Bestandteil sind. Nun ist die Demokratie faktisch wieder abgeschafft worden. Mit ihr verschwinden auch die Handlungsspielräume der Arbeiterbewegung.

Interessant war im Gespräch zunächst, wie nah die Analyse der aktuellen Situation in den Gewerkschaften an jener von Indignados, Attac etc. ist. Die GewerkschafterInnen sind sich sehr bewusst darüber, dass hier eine Krise genutzt wird um die Gesellschaft binnen kürzester Zeit radikal umzubauen. Für sie ist es klar, dass die Krisenpolitik überhaupt nicht das Ziel hat, die Krise zu überwinden. Es geht darum, die Machtverhältnisse zu Ungunsten der Bevölkerung zu verschieben. Freilich stehen für die GewerkschafterInnen die Angriffe auf ArbeitnehmerInnen-Rechte im Mittelpunkt. Nichts desto trotz ist ihre Herangehensweise nicht klientelistisch. Es gibt ein großes Bewusstsein, dass dieser Angriff sich auch gegen MigrantInnen, Arbeitslose, RentnerInnen etc. richtet. Erfreulich war auch die deutliche Solidarität mit den Beschäftigten im öffentlichen Sektor, die derzeit besonders stark attackiert werden. Unsere GesprächspartnerInnen vertreten die Beschäftigten im privaten Sektor. Zuallererst machten sie aber ausführlich klar, dass die Geschichten vom ausgeuferten, ineffizienten öffentlichen Sektor ein Lügenkonstrukt ist, das ausschließlich dazu dient, Massenentlassungen und Lohnkürzungen zu organisieren.

Zumindest in den Köpfen wächst in der griechischen Linken gerade einiges Zusammen. Der unbedingten Notwendigkeit dieses Zusammenwachsens sind sich alle Teile der Linken bewusst. Praktisch ist das dennoch ein stockender Prozess. Die Gewerkschaften sind so organisiert, dass alle größeren Parteien repräsentiert sind, also auch PASOK und Nea Democracia, die beiden großen Parteien, die die ganzen Kürzungspakete durchs Parlament peitschen. Innerhalb der Gewerkschaft wird diese Politik zwar einheitlich abgelehnt. Dennoch spielen zahlreiche Befindlichkeiten mit rein, die ein entschiedenes Agieren erschweren. Hinzu kommt natürlich die Machtlosigkeit. Von Mindestlöhnen bis Kündigungsschutz, von kollektiver Lohnverhandlung bis Mitbestimmung wurden in den vergangenen Monaten sämtliche ArbeitnehmerInnen-Rechte abgeschafft.

Die Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen gibt es nicht nur innerhalb der Gewerkschaften, sondern auch innerhalb anderer Spektren und zwischen den Spektren. Im Parlament gibt es drei linke Parteien, die die Kürzungsprogramme ablehnen. Eine davon verweigert aber aus vielerlei Gründen die Zusammenarbeit mit den anderen. Die Indignados haben ihr Zentrum verloren. Der besetzte Syntagma-Platz war ein gemeinsamer Ort für alle im Widerstand. Mittlerweile sind die Räume der Bewegung dezentral. Das hemmt die Zusammenarbeit. Innerhalb der Gewerkschaften gibt es Vorbehalte gegen die Indignados, weil dort teilweise auch sehpolitisch problematische Akteure auftreten. Innerhalb der Indignados gibt es ein großes Misstrauen gegen einst etablierte Organisationen wie linke Parteien und Gewerkschaften.

Wer die politische Landschaft in Deutschland kennt, kann sich gut vorstellen, was hier alles mit rein spielt. Der heftige Angriff und die unbedingte Notwendigkeit der Kooperation allein, löst die Spannungen leider nicht vollständig auf. Bei unseren Gesprächen hier wurde aber auch deutlich, dass es beachtliche Annäherungsprozesse gibt. Die Umstrukturierung der griechischen Gesellschaft ist ein brutal schneller Prozess. Angesichts dessen ist es beachtlich, wie gut koordiniert die Menschen agieren. Sie wissen, dass eine organisierte Bevölkerung das Potenzial hat, einen politischen Richtungswechsel zu erzwingen. Einzelne, sehr bescheidene Teilerfolge zeigen, dass die Bevölkerung die potenzielle Macht hat, den Umstrukturierungsprozess effektiv zu blockieren und sich die Macht im Land wieder anzueignen. Die größte Gefahr besteht dafür nicht mal in der Spaltung in der Linken, sondern im Pendel zwischen Wut und Frustration. Die GriechInnen blicken in einen „langen, dunklen Tunnel“. Die fehlende Aussicht auf Licht droht ganz spürbar, die immernoch vorhandene Widerstandsdynamik zu brechen.