Die hiesigen Zeitungen sind voll von Berichten über den Beginn der Den Haager Verhandlungen gegen drei der „Ocampo Six“, die für die Gewaltexzesse nach den letzten Wahlen 2007 mit 1400 Toten und Hundertausenden Vertriebenen verantwortlich sein sollen.

Unter dem Baum des Peoples Parliament ist das  das Thema des Donnerstags. Dabei geht es um die Bewertung der Prozess-Anbahnung, aber auch um die Frage, ob künftig solch schreckliche Gewalt vermieden werden kann.

In der Runde diskutieren Männer, die Familienmitglieder verloren haben, fast jeder kennt jemanden, der gewaltsam vertrieben wurde. Auch die Mitglieder des Peoples Parliament gehören verschiedenen kenianischen Stämmen an. Und obwohl alles engagierte Aktivisten sind, stellt Wangui immer wieder klar, dass auch sie hier sich damit schwer tun, das verbreitete Stammesdenken hinter sich zu lassen.

Zur größten Volksgruppe gehören die Kikuyu, sie stellten den ersten und den aktuellen Präsidenten des Landes (Kenyatta und Kibaki). Wichtig sind auch die Luhya, Kamba, Kisii, die Luo, Kalenjin (Präsdent Moi gehörte zu dieser Gruppe), Mijikenda und Massai.

2007 hatte der Kikuyu Kibaki den Wahlsieg für sich proklamiert und viele Vorwürfe der Wahlfälschung nicht entkräften können. Nicht nur die Luo und Kalenjin hatten ihren Kandidaten Odinga als Favoriten gesehen und wurden sehr wütend.  Später machte Kibaki ihn zum Ministerpräsidenten.

Die Peoples Parlamentarier berichten, dass bei den Gewalttaten ausschließlich die Armen starben. Es gäbe das Gerücht, dass es feste Honorare gegeben habe von den Finanziers des Terrors für Mord, für Vergewaltigung, für das Abbrennen eines Hauses. Honorare, von denen jedes einzelne deutlich unter dem Gegenwert von einem Euro gelegen habe. Wenn es Zoff unter den Reichen gäbe, ließen sie die Armen andere Arme töten. Aber tatsächlich wollten heute viele Stammesangehörige nicht, dass „ihre“ Obersten verurteilt werden.

Die Opfer der Gewalt wurden nicht entschädigt, große Teile der Hilfsgelder kamen nie bei ihnen an. Die Geschichten, die wir hören, sind so schrecklich, dass es dem Peoples Parliament hoch anzurechnen ist, dass sie trotz teilweise sehr emotionaler Beiträge immer wieder den aktuellen Moderator für Ruhe sorgen lassen und weiter diskutieren.

Es ist ein wichtiger Teil von Kenias Politiker-Elite, der da in den Niederlanden vor Gericht steht. Alle in der Runde finden es letztlich gut, dass es zu dem Verfahren in Den Haag gekommen ist, denn an die Gerichte in Kenia glaubt in dieser Runde niemand, allzuoft haben sie schon Erfahrungen mit der Korruption gemacht, die die zahlungskräftigen Angeklagten ungeschoren davon kommen lässt.

Trotzdem ist es fraglich, was der Den Haager Prozess bewirkt für die Menschen, die Opfer oder Täter wurden. Ein Mann beschreibt eindringlich, wie schwer es fällt, zu wissen, wer den eigenen Sohn ermordete und täglich zu sehen, dass er unbehelligt in der Nachbarschaft lebt.

Blick in den Jeevanjee-Park, in dem täglich das Peoples Parliament tagt

Mit großen Ohren sitzen wir in der Runde der Diskutanten und lauschen. Sie sprechen Englisch, Kisuaheli und einen wilden Mix aus beidem. Immer wieder übersetzt Wangui wichtige Beiträge für uns. Viel Zustimmung bekommt der „dienstälteste“ Diskutant, als er meint, die Kenianer müssten endlich das alte Denken überwinden, um zu erkennen, dass es nicht um acht verschiedene Stämme gehe, sondern um zwei: die Armen und die Reichen.

Mir erscheint das auch ein wichtiger Grundgedanke. Obwohl ich daran denken muss, was wir gestern im Slum erfuhren: Arm ist keinesfalls gleich arm. Selbst innerhalb des Slums gibt es deutlich erkennbar und teilweise räumlich getrennt die Wohlhabenderen (mit einem Platz in einem festen Gebäude, mit einem Klo pro Flur, evt. Sogar einem Balkon für die Wäsche), die mittleren und die Ärmsten. Und das, obwohl wir noch überhaupt nicht im Slum der Allerärmsten waren.