Attacies in Kenia. Seit Sonntag früh sind Carolin Franta mit ihren beiden Söhnen, Alexis Schwartz und ich in Nairobi. Ich bin zutiefst beeindruckt vom prallen Leben hier. So viele Menschen, so viele Autos, so viele Widersprüche. Laufe gerne durch die City, an so vielen Märkten vorbei und an Straßenhändlern, die Papier zu spitzen Tüten drehen und darin Erdnüsse für wenige Shilling anbieten. Es ist ein Abenteuer, hier eine Straße zu überqueren. Am ersten Tag wagte ich das nur mit einer größeren Schar Einheimischer zusammen. Fußgängerampeln gibt es nicht. Doch, ein paar, aber die werden von allen Verkehrsteilnehmern ignoriert.

Es gibt jetzt schon viel zu erzählen. Gestern lernten wir das peoples parliament kennen, eine Initiative, die jeden Tag in einem kleinen Park in der Stadt zusammen kommt, um über die Lage der Welt, über Perspektiven und wichtige Forderungen zu diskutieren. Wangui Mbatia, aufgrund deren Einladung wir überhaupt nach Kenia gekommen sind, hat uns schnell eingeführt, als ExpertInnen für alles Mögliche. Wir haben versprochen, in den nächsten Tagen sowohl einen Vortrag zu halten, über Gentechnik und Widerstand in Europa als auch über Attac und unsere Arbeit.

Gentechnik wird hier gerade wieder mal sehr gepusht. Die schreckliche Hungersnot in Somalia und Teilen Kenias muss dafür herhalten, dass die riesigen Agrarkonzerne den Fuß in die Tür bekommen. Im Peoples Parliament gab es schon viele Auseinandersetzungen mit den unfairen Welthandelsbedingungen und mit dem Agrobusiness, das Bauern in Abhängigkeit bringt, aber am Hunger der Ärmsten nichts verändert.

Hunger ist auch in Nairobi ein Thema, ein schleichendes. Wangui erzählt uns, wie dramatisch die Nahrungsmittelpreise in den letzten Monaten gestiegen sind. Der Zuckerpreis hat sich allein im letzten Monat verdoppelt, viele Lebensmittel kosten das Dreifache wie noch vor einem Jahr. Für Wangui und die engagierten Menschen in ihrem Netzwerk heißt das, dass alle ihr Leben drastisch einschränken mussten. Auch die Mieten in der Hauptstadt klettern noch immer, viele von Wanguis FreundInnen leben mittlerweile in den immer größer werdenden Slums. Die Kriminalität nimmt zu. Trotzdem sind die meisten Leute meistens entspannt. „This is Africa. There is always a solution“, versichert Wangui. „Hakuna matata“ ist Kisuaheli fuer „there is no problem“. Selbst die politisch Aufgewecktesten strahlen davon sehr viel aus.

Bitter für mich ist zu erleben, dass wir als Weiße nicht wirklich dazugehören können. Als wir gestern eine Strecke mit einem Auto fahren mussten, forderte Wangui uns auf, uns im Parkeingang versteckt zu halten, weil sonst der Preis für ein Taxi sofort um ein Mehrfaches steige. Weißen-Zuschlag.

Da wir zwei Jugendliche dabei haben, die ab heute der Schulpflicht nachkommen müssen, sucht Wangui für uns per Handy stundenlang nach einer Unterkunft „safety and public transport first“. Anders als bei der Planung unserer Reise gedacht, können wir nicht bei Wangui und ihren Freunden unterkommen. Die hohen Preise haben so viele zum Umziehen gezwungen, das tägliche Essen besteht wieder vor allem aus den traditionellsten Grundnahrungsmitteln – und die wollen uns unsere FreundInnen nicht zumuten. Da helfen unsere gegenteiligen Beteuerungen nichts. Ich hätte meine Isomatte überall lieber ausgerollt als dort, wo wir schließlich landen: in einer Souterrain-Wohnung in einer leerstehenden Diplomatenvilla
im Reichenviertel „Hill Side“.

Früh am nächsten Tag brechen die Kids mit Carolin und Alexis zur Schule auf. Ich stürze mich in das Abenteuer „public transport“ und fühle mich für die Unterkunft im Botschafterghetto sogleich entschädigt. Fahrpläne gibt es hier nicht. Aber dafür viele der rumpeligen, qualmenden Matatus. Der VW-bus-artige Transporter bremst ab und lässt mich ganz schnell reinrutschen. Zugelassen ist der Wagen laut Aufschrift für 14 Personen. Ich bin die 16. An der nächsten Station muss ich rausspringen, um einen Nachbarn rauszulassen, wieder rein- und durchrutschen. Nun sitze ich wie er eben: die halbe Popacke auf dem Sitz des Nachbarn, die andere auf meiner Ferse, denn hier gibt es gar keinen Sitz. Der „Schaffner“ sitzt direkt an der Tür und klopft immer aufs Autodach, wenn ihm jemand signalisiert, dass er aussteigen will. Für mich gibt es keine erkennbaren Bushaltestellen, aber die Leute scheinen zu wissen, an welcher Stelle am Straßenrand sie aufgenommen werden können. Ich fahre bis zum zentralen Busbahnhof mit und glaube kaum, dass ich dort „meine“ Linie werde wiederfinden können. Mal sehen. Kwa heri!