Ein Wochenende bei Wangui ist natürlich auch ein Wochenende voller politischer Diskussionen. Oft lädt sie zahlreiche Mitglieder des Peoples Parliament nach Hause ein, um stundenlang zu debattieren. Lange sprechen wir am Samstag über Rollen in politischen Gruppen und wünschenswerte Zusammenarbeit in sozialen Bewegungen, erfahren Theoretisches und Praktisches aus dem AktivistInnenleben.

Wangui erzaehlt,  dass sie oft etwas ausgenutzt wird und unangefochten als wichtigste Inputgeberin, als strategischer Kopf und als Antreiberin für konkrete Pläne agiert. Viele Kollegen aus dem Peoples Parliament seien nur schwer zu eigenen Recherchen zu bewegen. Zudem nähmen die Diskutanten gerne ihre Einladung nach Hause an, revanchierten sich aber nicht, sondern hielten es für selbstverständlich, dass Wangui Wesentliches zum Programm eines solchen Treffens beisteuere und zugleich für alle koche, aufräume und abwasche. Der Chauvinismus ist auch unter den politisch aktiven Maennern weit verbreitet.

Wir erzählen von der Bildung neuer Kampagnen- und Projekt-Gruppen bei Attac und von Methoden, die wir anwenden, um Menschen einzubinden und längerfristig zu motivieren.

Stumme Zeugin vieler politischer Diskussionen: Wanguis Katze kriegt was mit, unterm Sofatisch

Im Gespräch flammt ein alter, ungelöster Streit des Peoples Parliament zwischen Wangui und Hassan wieder auf: Über Monate warb die Gruppe auf den Straßen und bei vielen Veranstaltungen für das „Ja“ zu der Verfassung, das schließlich beim Referendum im Juli 2010 auch erreicht wurde. Wangui hatte sich nicht durchsetzen können mit ihrem Vorschlag, ein differenzierteres „Ja, aber…“ zu kommunizieren. Die Verfassung enthält etliche schwerwiegende Probleme. Beispielsweise sieht sie vor, dass das Parlament drei Monate vor der Wahl aufgelöst wird. So sollen sämtliche Kandidaten als normale BürgerInnen in den Wahlkampf ziehen. Das heißt aber auch, dass Kenia für diesen Zeitraum keine arbeitsfähige Legislative hat. Und schon jetzt ist klar, dass in diese Phase bei der nächsten Wahl die Fertigstellung des Haushaltes fällt – der dann nicht verabschiedet werden kann. Dass in den drei Monaten das Kabinett weiterarbeitet ist notwendig. Es ist riskant, wegen der fehlenden Kontrolle durch das Parlament und verfassungsrechtlich problematisch, weil die Minister Mitglieder selbst Abgeordnete und Wahlkämpfer sind. Wangui wirft dem Peoples Parliament vor, hier den vermeintlichen einfachen Weg gegangen zu sein. Es war für die Mobilisierung zum Referendum einfacher, die größten Pluspunkte der Verfassung zu nennen und zum „Ja“ aufzurufen anstatt darauf hinzuweisen, dass es auch einen dringenden Nachbesserungsbedarf gibt. Nun ist die Verfassung da, die Notwendigkeit nach Nachbesserung auch, aber es interessiert kaum jemanden in Kenia, welche Fallstricke das Dokument aufweist. Die NGOs, die jetzt von „Verfassungskrise“ reden, ernten Kopfschütteln, weil sie zuvor noch ausschließlich die Vorteile aufzählten.

Am Sonntag morgen begeben wir uns mit der neuen Zeitung in der Hand spontan auf eine kleine Recherche-Jagd: Die „sunday nation“ meldet, eine deutsche Firma wolle auf 100.000 Acres Sisal anpflanzen und habe das geeignete Territorium bereits gefunden. Wer steckt dahinter? Ist das erneut ein Fall von Landgrabbing? Wir lesen Sisal-Marktberichte und studieren Karten. Unser Gesprächspartner vom Freitag sagt zu, uns ein paar Kontakte zu vermitteln, Wangui kann einmal wieder aus dem unerschöpflichen Schatz ihres Politikgedächtnisses wichtige Hinweise geben.

Einzelne Sisalpflanze auf dem Grundstueck von Wanguis Mutter. Gegenstand eines Landgrabbing-Vorhabens?

Wir werden jedoch unterbrochen: Gegen 11 Uhr eilen Wangui und Hassan nach einem Anruf davon: Wanguis Bruder wird auf der Polizeistation festgehalten. Erst um halb drei sind sie wieder da. Der Bruder ist frei. Der Taxifahrer ließ sich beim Verstoß gegen Verkehrsregeln erwischen. Taxifahrer landeten häufig bei der Polizei, erklären Wangui und Hassan. Glücklich, wer von ihnen eine streitbare Rechtsanwältin als Schwester hat, die schnell zur Stelle ist und die Sache geradebiegen kann.

Alexis und ich bleiben im Haus und unterhalten uns mit Wanguis Freund über Slums. Er berichtet, dass die Slumbewohner im Schnitt das 1,5fache an Miete pro Quadratmeter ihrer Behausung zahlen müssen und sogar das doppelte für Wasser – im Vergleich zu anderen Mietern in Nairobi. Schwer zu schlucken für uns Wazungu: Ich hätte naiv angenommen, dass es bei diesem Wildwuchs an notdürftig und selbst zusammen gezimmerten Hütten und Unterschlupfen nicht auch noch Landlords gibt, die Mietzahlungen einfordern können. Es gibt keine Müllabfuhr, mangels befahrbarer Straßen auch keine Krankenwagen oder Feuerwehr in diesen Stadtteilen. Das Wasser wird durch „Community groups“ zu Verteilstellen näher an die Leute herangeschleppt, andere Gruppen holen Müll direkt bei einigen der Haushalte ab. Allerdings will in dieser Kette jeder einen gewissen Vorteil durch seinen Einsatz kassieren.

Polycarp glaubt, dass die Regierung nie ernsthaft versucht habe, die Slums los zu werden. Längst reproduzierten sie sich selbst und zögen ständig weitere Menschen an, die vom Land in die große Stadt ziehen, auf der Suche nach Arbeit. Die Slums liegen dafür strategisch günstig und verheißen billige Unterkunft. Dass dem gar nicht wirklich so ist, ändere daran überhaupt nichts.

Bei Wangui im Regal steht Mike Davis Buch „Planet of Slums“, in dem ich bis zur Rückkehr unserer Taxisfahrer-Retter lese. Er beschreibt das weltweit krasse Tempo der Urbanisierung. Immer mehr Megastädte entstehen und alle sind von gigantischen Slums umgeben. Das Bevölkerungswachstum dieser Millionenstädte in Asien, Afrika und Südamerika steht in keinem Verhältnis mehr zum Wirtschaftswachstum. Es gibt keine Arbeit und praktisch kein Einkommen. Noch nicht einmal die „ursprüngliche“ Voraussetzung für die Städtebildung, die Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft kommt hinterher.