Am Samstag morgen mache ich mit Hassan einen Dorfrundgang: Ich sehe viel Gruen, ueberall Bananen und Avocados, Hassan erklimmt eine Guave, um mir welche der angeblich suessen Fruechte zu pfluecken. Am Brunnen fuellen Frauen und junge Maenner ihre Wasserkanister. Es gibt im Dorf kein fliessendes Wasser und mit den schweren Behaeltern sind etliche Hoehenmeter zu ueberwinden.

Meine Begeisterung fuer die Stille und die gute Luft (nach Nairobi lechze ich geradezu danach) bekommt einen Daempfer, als Hassan erzaehlt, dass immer mehr Menschen hier nur weg wollen. Es gibt kaum ein Einkommen. Ein Nachbar hat eine kleine Teeplantage angelegt. In nahezu jedem Garten steht eine Kuh. Aber eine stabile oekonomische Basis gibt es hier nicht. Wie Hassan, der 1994 nach Nairobi ging, kommt kaum jemand zurueck, um hier wieder zu leben. Aber die Staedter tragen mit Ueberweisungen zum Ueberleben der Familien bei.

unterwegs im Dorf

Ein Clan-Bruder von Hassan gesellt sich zu uns. Er kennt sich gut aus mit Landwirtschaft und stellt viele Fragen: Zum Wetter und zum Anbau in Deutschland, zur Viehhaltung und ob wir wirklich keine Bananen anbauen.

Hier gibt es kaum Zaeune und noch weniger Mauern. Und viele „Brueder und Schwestern“, denn ein grosser Teil der Dorfbewohner gehoert zum selben Clan wie Hassan.  Kurz besuchen wir auch die Hütte einer „Mama“ und das Grab eines seiner engen Freunde aus der Kindheit. Die Toten werden hier direkt auf dem Grundstück zwischen den Hütten bestattet. Mal wieder ernte ich ungläubiges Staunen, wenn ich vom Familienleben in Deutschland spreche. Eine Bestattung zum Beispiel ist in Kenia ein Massenereignis, jeder der den Toten oder seine Familie kannte, kommt.

Nach einem leckeren Fruehstueck mit Tee, Avocados, Bananen und Brot brechen wir auf zu einem Jugendnetzwerk, das sich wöchentlich in der Kirche der hiesigen Heilsarmee trifft. 30 junge Leute sind versammelt, die meisten schaetze ich auf Mitte 20, alle arbeiten in verschiedenen community-Organisationen mit. Viele betreiben Landwirtschaft, viele machen sich um die Wasserversorgung Gedanken, etliche organisiseren Sport und Kulturveranstaltungen oder betreiben Aufklärung rund um HIV/Aids und gegen die Diskriminierung Infizierter.

multifunktionales Gebaeude auf Hassans Grundstueck: Huehnerstall, Klettergeruest und - vor allem - Verkaufskiosk fuer Gebaeck und Suessigkeiten

Wir stellen Attac vor. Schnell ist klar: Das Thema Wasser soll es sein. Wir sprechen über die Entwicklung eines gemeinsamen Wasser-Projektes und sammeln Themen, die die Aktiven hier anpacken könnten: Den Kampf gegen die Eukalyptusbäume, die den Fluss erledigen oder Aufklaerung ueber die teilweise viel zu tief ausgeschachteten Plumpsklos, die das Grundwasser vergiften. Die Möglichkeit, gemeinsamen erreichbare Brunnen anzulegen und die langen Wege zu den Wasserstellen so zu verkueryen. Aufforstungen, weil das schmutzige Wasser zum Abkochen zwingt und dafür Holz verwendet wird, Solarkocher fuer keimfreies Wasser…

Ganz besonders lebendig wird die Diskussion, als wir vom Weltwasserforum in Marseille berichten und den geplanten Gegenveranstaltungen. Das Interessse, mit einem eigenen Projekt zur Vernetzung nach Marseille zu fahren, ist groß.

Mas sehen, wie das weiter geht. Zu spät bitten wir um eine Adressenliste – aber sofort wird organisiert, dass die noch angelegt und uns am Abend zugespielt werden soll.

Nach dem Treffen eine Kostprobe des starken tropischen Regens, der der Region das viele satte Gruen beschert. Ohne Vorankündigung prasselt er los. Die Lehmstassen werden sofort zu Schlammpisten. Mehrere Male bleibt das Auto, in dem wir zum naechsten Ziel unterwegs sind, fast stecken. Zu Fuss ist es aber auch nicht leicht: mit jedem Schritt werden die Schuhe schwerer.

Die zweite Station ist das St. Patricks Education Centre. Das Besondere: Vor zwei Jahren besuchte Hassen mehrere Communnity-Gruppen an diesem Ort und riet ihnen, sich zusammen zu tun, ein Zentrum zu bauen und ihre Kräfte zu bündeln, um Waisenkindern eine Schule und eine Basis zu bieten. Jetzt ist er selbst ganz platt: Vor uns steht ein langgetrecktes, gemautertes Gebäude. Mehrere Dutzend Kinder besuchen diese Schule inzwischen, es gibt Baby-Class, Preschool, Primary-School bis zur Vierten Klassse.

Ein bisschen peinlich beruehrt sind wir bei der vorbereiteten Prästentation der Gruppe. Wir werden als Geldgeber angesprochen. Auch Hassan aergert das, denn in seinen Augen hat die Gruppe genau das bereits ueberwunden. Aber wir schaffen es einigermassen, die Sache aufzuklaeren. Die Leistung der Gruppe ist wirklich beachtlich.