Am üblichen Treffpunkt, dem großen „KenComHouse“ mitten in Nairobi wartet am Samstag morgen Susan Kinani auf Alexis und mich. Sie ist Angestellte der Stadt für social community development und träumt davon, eine Umweltbewegung aufzubauen, zumindest eine Beitrag für ein neues Umweltbewusstsein zu leisten. Monatlich organisiert sie mit verschiedenen Gruppen meistens junger Leute Aufräumaktionen und Baumpflanzungen in den Slums.

Das Matatu bringt uns wieder nach Mathare, aber wieder in eine andere Ecke: Mabatini, No 10. Wir treffen dort auch Kennedy, den wir schon beim Besuch in Huruma am Mittwoch kennen lernten. Es gibt für etwa ein Dutzend Mitstreiter nur wenige Werkzeuge (zwei Schaufeln, eine Gabel, ein Rechen, eine Schubkarre). Und die fünf Paar Gummmihandschuhe, die wir vorsichtshalber, aber unabgesprochen mitgebracht haben. Damit möglichst viele ihre Hände schützen können, geben wir beiden Linkshänder unsere rechten Exemplare sofort weiter.

Weg damit!

Ich habe als Schülerin mit Hingabe Müll aus Waldstücken und Hecken gefischt, sogar einmal eine ganze Projektwoche lang im Umfeld meiner damaligen Schule im Odenwald. Ein bisschen fühlt es sich durchaus nach „back to the roots“ an. Trotzdem ist das hier deutlich anders: An vielen Stellen scheint der gesamte Untergrund aus Müll zu bestehen. Dicht ineinander verwoben sind ungeheuer viele Plastiktüten, Textilien, Metallteile und vieles mehr. Im Slum gibt es erst seit kurzem Toiletten – vielfach packen wir auch die unappetitlichen Kacktüten auf die Schubkarre, die zur Entsorgung menschlicher Fäkalien herhielten. Der Gestank über allem ist beeindruckend.

Die Müllmenge rührt auch daher, dass sehr viele BewohnerInnen des Slum ihre Rohstoffe für verschiedene Produkte, ihre Alltags-Gegenstände, Kleidung und sogar Nahrung von der nahen städtischen Mülldeponie holen und das, was sie dann nicht brauchen können, einfach irgendwo ablegen. Nach und nach legen wir einen kleinen Graben frei, der als Drainage hin zum Fluss dient. Fluss und Zuflüsse haben eine tiefgraue Farbe und riechen schrecklich. Trotzdem verbindet die jungen Leute, die hier den Müll zusammenschaufeln, teilweise mit Stöcken aus dem Gebüsch kratzen und mit einer Machete aus dem Wurzelwerk befreien, die Hoffnung, dass es einmal grüner und gesünder werden könnte hier und auch der Fluss nicht für immer eine gefährliche Kloake bleiben muss.

Ein Bäumchen für die Zukunft. Gärtnern ist noch die Ausnahme in Mathare.

Nach eineinhalb Stunden ist der Graben – naja, fast – freigeräumt. Wir gehen zur Baumpflanzung über: Mit den Schaufeln werden fix einige Löcher ausgehoben, zwischen Trampelpfad und Fluss. Mitgebracht haben die Umweltaktiven einige Setzlinge, vor allem Avocados und Maracuja. Es gibt einen Sack mit Erde, dessen Inhalt auf sieben Löcher verteilt wird und einen Sack mit Hühnerdung. Der lebt. Susan springt zurück, als sie den ersten Schwung in eines der Pflanzlöcher gekippt hat. Der Sackinhalt scheint aus mehr Maden als aus Hühnermist zu bestehen. Alle Bäume werden großzügig angegossen. George, einer der älteren Mitstreiter, zeigt auf einen Baum,den er erst vor einem Jahr hier pflanzte: Er ist schon deutlich über zwei Meter groß und sieht nicht mehr so aus, als ob ein unachtsamer Passant ihn zertreten könnte. Weil unsere neuen Bäumchen das nicht von sich behaupten können, bekommt ein jeder einen gesteckten kleinen Zaun aus abgeschnittenen Zweigen. Toi, toi, toi, Bäumchen!

Ziemlich pünktlich um 11 Uhr beendet Susan die Aktion. Sie hält eine kleine Ansprache. Alle Anwesenden bestätigen per Handzeichen, dass sie Umweltaktive sein und Verantwortung für ihre Umgebung übernehmen wollen. Ein Gebet wird gesprochen, eine Teilnehmerliste ausgefüllt. Susan erklärt uns, dass die Aktion deshalb nicht länger dauern könne, weil die Jugendlichen sonst Essen und Getränke verlangen würden, was es heute beides nicht gibt.

 

Ambivalent: Exportierte Altkleider aus Europa.

Exkurs Altkleidermarkt:

Gegen 10 Uhr beginnen Frauen aus dem Slum neben unserer Müllsammelstelle ihre Marktstände zu bestücken. Sie haben große Ballen von Altkleidern aus Europa eingekauft (es gibt Menschen, die Importlizenzen haben und dann die Textilien in großen Ballen an WeiterverkäuferInnen abgeben) und bieten für wenige Schilling Kinderkleider an – einmal quer durch unsere Moden der letzten Jahre. Die wenigen Frauen, die noch in der Textilherstellung arbeiten, wissen, dass ihre Produkte zu teuer für den heimischen Markt sind: das meiste gehe in den Export, erklärt uns Susan. Andererseits ermöglichen es diese Slum-Märkte, dass die Kinder hier fast alle ordentlich gekleidet herumlaufen. Mehr als 10 bis 30 Shilling (7,5-22,5 Cent) können die wenigsten für ein Kleidungsstück aufbringen.

Ein ganz kleines Stück vom großen Slum: Mathare, Nairobi

Susan wohnt nur wenige Stationen von unseren Hütten bei der Schule entfernt. Im Bus diskutieren wir über Umweltbewegungen verschiedener Länder und über deren so unterschiedliche Voraussetzungen. Es wäre tatsächlich ein Traum, eine starke Umweltbewegung in Kenia zu haben. Aber die meisten Menschen, die täglich um ihr Überleben kämpfen, haben andere Sorgen. Zum katastrophalen Zustand des Flusses tragen viele bei, es braucht bei weitem nicht nur Aufräumaktionen, sondern einen konsequenten Gewässerschutz und starken Druck auf die korrupte Regierung, damit die schlimmsten Verschmutzer gestoppt werden können. Und eine internationale Zusammenarbeit, denn natürlich setzen auch zahlreiche globale Unternehmen auf lasche Umweltgesetze in Kenia, freuen sich über ihre Gewinne, während Kenia das Gift behalten darf.

Trotzdem ist die Wirkung so einfacher Maßnahmen wie der Installation von Toiletten in Mathara nicht zu übersehen: Die Luft wird besser, die Wege weniger schlammig, die Vorstellung, einen Garten anzulegen und wenigstens ein bisschen Gemüse selbst zu ziehen, weniger abwegig. An einigen Stellen grünt und blüht es schon.