Donnerstag, 26. Mai 2011, 9 Uhr vor der Festhalle der Frankfurter Messe. Die Aktionäre kommen. Rund ein Dutzend Attacies sind vor dem Haupteingang zu Gange, außerdem Aktive von Urgewald, von den Ordensleuten für den Frieden und die Kritischen Aktionäre. Unsere frechen Sprechblasen sind ständig im Einsatz und schweben über den Köpfen unfreiwilliger Aktionäre. Das Banner ist weithin sichtbar: “Schwarze Zahlen durch finstere Geschäfte!” Ich gebe Fernseh-Interviews für n-tv/rtl, für reuters und die Tagesschau und spreche länger mit einem französischen Journalisten. Die Ordensleute für den Frieden kippen Müll vor die Tür, die Aktionäre müssen über Plastikflaschen und Verpackungen staksen. Die Urgewaldfrauen werden begleitet von einem Streubomben-Opfer, ein älterer Mann in einem Rollstuhl, der sich auf eine Rede in der Halle vorbereitet hat.Als der Zustrom langsam verebbt, wird es ernst. Wir müssen rein. Drei Eintrittskarten haben uns die Kritischen Aktionäre reserviert, eine vierte bekommen wir noch dazu. Ich bin eine von drei “Bannerträgern”, die gut am Körper versteckt ein kleines Stoffbanner in die Veranstaltung schmuggeln sollen, zum weiteren Equipment gehört eine Trillerpfeife. Wir haben vereinbart, getrennt voneinander aufzutreten, damit wenigstens eine/r von uns eine Chance hat, bis zur Bühne zu kommen.

Die Eintrittskarte macht es möglich, die Sicherheitsleute winken mich weiter zur Schleuse. Wie auf dem Flughafen müssen alle ihre Taschen leeren und in eine Kiste packen, die von einer Durchleuchtungs-Apparatur geschluckt und kurz danach wieder ausgespuckt wird. Menschen laufen durch den Metall-Detektor-Rahmen. Nichts piept, obwohl die Trillerpfeife in meiner Hosentasche einen kleinen Metallring hat. Mein Transparent liegt als Stoffrolle sicher unter dem Hosenbund, keiner guckt mich befremdet an.
Kollege Tilman hat weniger Glück. Die Trillerpfeife in seinem Portemonnaie wird bei der Durchleuchtung entdeckt und entfernt. Gut funktionierte hingegen die Lösung der Dritten im Bunde, Brit hatte die Pfeife in das Schminktäschchen getan, dort fiel sie den Durcheuchtern nicht auf.
Ein Stock höher gibt es für die vorgelegte Eintrittskarte das Blöckchen mit den Stimmkarten, eine gedruckte Kurzinfo – und einen extrem billigen Kugelschreiber.

Lange Gänge führen zur Festhalle, überall Aktionäre in Anzügen, die meisten Damen tragen Kostüme. Gegenüber des Halleneingangs ist der “Cateringbereich Aktionäre”. Sieht aus wie bei einer Kaffeefahrt: An allen Tischen stehen oder sitzen ältere Herrschaften und futtern Brötchen, genießen die gereichten Getränke. Auf jedem Tisch steht ein Deutsche Bank Logo aus Holz, die Diagonale wird von einer Glasplatte am Platz gehalten. Obwohl ich noch nicht auffallen will, kann ich nicht an mich halten und drehe das Logo am nächstgelegenen Tisch um 90 Grad – jetzt zeigt der Balken steil nach unten.

In der Halle sind noch etliche Plätze frei. Ich spaziere recht weit nach vorne und freue mich, einen Platz bei den Frauen von Urgewald zu bekommen. Nur wenige Reihen bis zur Bühne. Wenn Ackermann anfängt zu sprechen, soll es losgehen.
Erst einmal spricht aber der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Herr Börsig. Der ist gruselig. Er verkündet die restriktiven Spielregeln der Versammlung mit höchst unangenehmem autoritärem Gehabe: Keine Fotos, keine Tonaufnahmen, alle Handys aus. Übertragung über die Website der Bank nur bis zum Ende von Ackermanns Rede. Superlative sind wichtig in der Rede und ein Plädoyer für eine Frau, die heute in den Aufsichtsrat gewählt werden soll. Es scheint keine weiteren KandidatInnen zu geben, so dass ich nicht genau weiß, warum sie dieses Verfahren Wahl nennen.

Als Ackermann antritt, hole ich tief Luft und gehe ruhigen Schrittes bis zur zweiten Reihe. Dort Trillerpfeife in den Mund und Banner unterm Arm hervorziehen. Sobald ich es in der Luft habe, sind die Securities bei mir. Sie beginnen mich abzudrängen, fassen mich aber nicht richtig an, so dass ich das Banner wieder hoch kriege. Die Werbung hat nicht zu viel versprochen, die kleine Signalpfeife ist höllisch laut. Ich blase und halte das Banner, so lange es geht, dann sind wir schon an der Tür. Ich entspanne mich. Mission erfüllt. Hoffentlich. Denn ich kann nicht wissen, ob es unserem Menschen mit Kamera oder gar einem anwesenden Journalisten gelang, das kurze Intermezzo einzufangen.

Perfekt auf Aktionärin geschminkt und passend gekleidet hat Brit den Aufruhr genutzt und ihrerseits die Bühne erreicht. Sie kann Ihr Banner aus der Handtasche fischen und hochhalten, bis die Security auch die zweite Störerin erwischen. Sie darf Pfeife und Banner sogar behalten.
Mein Banner mit der Aufschrift: “Deutsche Bank: sofort stillegen!” wird eingezogen. Die Herren von der Sicherheit führen mich zu einem Separee, in dem ich per Fernseher der Rede Ackermanns folgen kann. Da ich nicht weiß, was mit Britt und Tilman ist, lasse ich mich darauf ein und warte, ob ich von beiden noch was höre und sehe. Ich bekomme Saft und die Sicherheitsleute wollen mir auch etwas zu Essen bringen, was ich aber dankend ablehne. Der Sicherheitschef schaut vorbei. Ein lustiges Spiel – wir lächeln uns an, er will gerne wissen, ob es noch weiteren Ärger geben wird, ich sage, ich hoffe das und wechsle in Smalltalk, bis er wieder geht.
Niemand will meine Personalien sehen, zwei Wachleute bleiben vor der Tür meines kleinen Zimmers. Klar ist aber: ich darf gehen, wenn ich es will, nur nicht zurück zum Saal.

Josef Ackermann spricht von Frauenförderung und den wunderbaren Märkten Ostasiens. Man könne stolz sein auf die Deutsche Bank… Gut, dass zwischendurch der Spiegel anruft und ich mich auf die Auseinandersetzung um Hess Natur konzentrieren muss.

Als ich genug habe, werde ich zum Ausgang begleitet. Aber Halt! Ohne Auschecken darf niemand weg von der Versammlung. Und das geht nur mit meinem Stimmzettelblock, der noch im Saal liegt. Also geht es die langen Gänge in Begleitung meiner zwei Gorillas zurück zur Halle. Wir unterhalten uns entspannt, über unfaire Löhne im Sicherheitsgewerbe, über unsympathische Aufsichtsratsvorsitzende und Rollenverteilungen, die es bei solchen Hauptversammlungen gibt.