In diesen Tagen ist es natürlich ist schwierig, Live-Stimmen aus dem Kairoer Downtown zu bekommen. Auf den Demos kann man nicht telefonieren. Wenn Freunde zu Hause sind, haben sie kaum Stimmen zum reden, sie haben zu viel Tränengas geatmet. Auf Facebook sind viele ihre Profilfotos geändert, sind jetzt vermummt und tragen Steine.   Während sie leise ins Telefon flüstern oder Husten, spürt man eine unglaubliche Euphorie, eine Energie, eine unverrückbare Festigkeit. Sie sind wieder da, sie sind wieder Subjekte, sie machen gerade wieder Geschichte im Zeitraffer.

Tahrir-Platz
Noch vor einem Monat herrschte in Kairo unter den Aktivisten eine sehr gedrückte Stimmung. Die Armee hatte am „Blutigen Sonntag“ über 20 Menschen bei der koptischen Demonstration umgebracht, auf den Protestdemonstrationen in den Tagen danach waren jeweils nur einige Hundert Menschen. Die Bewegung schien isoliert zu sein. Die Armee, in Pakt mit großen politischen Kräfte, allen voran den Muslembrüdern, saß felsenfest im Sattel. Der Sieg der konservativen Kräften bei den anstehenden Wahlen war eigentlich gewiss, und der Herbst würde einziehen im Zentrum des arabischen Frühlings. „Wir brauchen eine zweite Revolution, aber wie nur?“ fragten sich die Aktivisten. Seit dem letzten Freitag ist die Frage beantwortet. Revolten sind nie planbar, niemals vorauszusehen. Es sind heimliche Prozesse, die dann als unerwartete Ereignisse ausbrechen.

Die Festigkeit der Position der Armee lag vorallem im Fehlen von jeglicher Alternative. Sie blieben die einzige Zentralinstanz, die Versprechen konnte, das Land zu ordnen und das Chaos in Grenzen zu halten. Doch dieses Versprechen wurde offensichtlich gebrochen, mehr und mehr erinnerten die Repressalien der Armee an die Praktiken der untergegangenen Diktatur. Dabei hätte eigentlich jeden politischen Denker klar sein müssen, dass diese Armee nicht im Stande sein wird, die postrevolutionäre Gesellschaft alleine mit repressiven Methoden zu kontrollieren. Aber Militärs sind meist keine politischen Denker. Sie streben zur Macht, wollen die einmal erreichte Position nicht so leicht aufgeben. Das Modell der Türkei scheint sie auch erschrocken zu haben, wo die moderaten Islamisten dem Militär ihre politische Macht Stück für Stück entrissen haben. Dann zeigten sich noch alle anderen Akteure schwächer als gedacht. Die revolutionäre Avantgarde und die Jugendbewegungen waren ermüdet und aufgerieben, die Islamisten zwar mit großen Aussichten bei der Wahl, aber auch ohne den gigantischen Rückhalt, den man vermutet hatte. In dieser Situation suchte die Militärführung, die SCAF (Supreme Command of Armed Forces) eine Offensive, die mächtig nach Hinten losging. Hätten sie einfach die Wahlen abgewartet, wäre der konservative Block in Ägypten massiv gestärkt worden, und sie hätten die revolutionäre Bewegung weiter isolieren können. Die Muslembrüder als stärkste und kluge konservative Kraft haben diese Schwierigkeit der Hegmonie in Ägypten sehr gut verstanden und spielen das Spiel der Macht sehr langsam. Die Armee aber versteht die Logik der Hegemonie kaum, und manövriert eine Woche vor den Wahlen alles ins Ungewisse.

Drei Wochen vor diesen Wahlen zum Verfassungsgebenden Versammlung sollten jetzt schon Elemente in der Verfassung festgeschrieben werden, wodurch die Armee jeglicher Kontrolle entzogen wird und ihnen sogar politische Vetorechte eingeräumt werden. Dieser Zug brach das Bündnis zwischen Islamisten und der SCAF. Zum ersten Mal seit Monaten mobilisierten die Muslembrüder und die progressiven revolutionären Jugendbewegungen zusammen zu Freitagsdemonstrationen, die von politischen Slogans gegen die Armee dominiert war. Als die Muslembrüder wie üblich am Abend den Platz verließen, blieben tausende und  widersetzten sich der Räumung. Tahrir war seit März immer wieder geräumt und besetzt worden. Doch dieses mal war alles anders. Anders als üblich, gingen die Menschen nach dem brutalen Angriff der Sicherheitskräfte nicht nach Hause, sie blieben im Downtown, formierten sich neu, und eroberten immer wieder den Platz zurück. Das Gleiche Bild spielt sich in Alexandria ab, und auch in Ismaelia am Suez Kanal. Es gibt über die 20 Tote und mehr als 1000 Verletzte. Es sind zum ersten Mal wieder Sniper auf Dächern, einigen werden gezielt die Augen rausgeschossen, in Alexandria wird ein Begründer der Bewegungen „Ägyptische Strömung“, eine progressive Abspaltung von ehemaligen Jungen Muslimbrüder, gezielt in den Kopf geschossen.

Die entschlossene Haltung der Demonstranten ist für alle eine Überraschung. Es ist aber auch eine andere Mischung von Menschen, die hier um Tahrir kämpft. Anders als in den letzten Wochen, sind es nicht nur die Bloger und Internetaffinen Jugendlichen alleine auf der Straße. Seit langem kämpfen sie wieder zusammen mit den Jugendlichen ohne Schuhe und mit zerrissenen T-Shirts. Das ist das Element, was die SCAF scheinbar vollkommen unterschätzt hat. Die soziale Lage in Ägypten ist seit der Revolution noch schlechter geworden. Die Armen, deren Kinder die ersten Opfer der Repression waren, fühlen sich zunehmen verraten, sie hatten die höchsten Verluste und haben noch nichts bekommen. Dies sprach Al Baradai am deutlichsten aus: Die Revolution ist an den Slums vorbei gezogen. Es scheint dieser Frust zu sein, der sich nun mit voller Wucht wieder auf dem Tahrir, in Alexandria und im Suez entlädt. Am Montag war Tahrir zurückerobert, und wieder mal seit den Januartagen übernachteten Tausende Menschen dort. Für den heutigen Dienstag haben die progressiven Kräfte, allen voran die „Koalition der Revolutionären Jugend“, „6. April“ und die „Sozialistische Volksallianz“ zur Großdemonstration aufgerufen, und während die Muslembrüder sich bewusst raushalten, riefen andere islamistische Gruppen zur Beteiligung auf.

Es ist wieder soweit, die Avantgarde der Revolution holt sich das Zentrum zurück, und das Feld der ägyptischen Revolution ist wieder offen. Es wird Frühling im Herbst.